
Vielseitig begabt: In Christian Neuenschwanders kleinem Atelier entstehen viele Dinge.
Sucht man Christian Neuenschwanders Arbeitsort, braucht man nur nach oben zu blicken. Am obersten Fenster der Stirnfront des schmalen Baus erkennt man einen Vogel: Dieses «Schnabelwesen» – wie er es nennt – ist gleichsam zu seinem Markenzeichen geworden. Wie es dazu kam, erzählt der ursprünglich zum Grafiker ausgebildete Gestalter in seinem Atelier an der Schipfe 33 in Zürich. Sein Freund Benjamin Dieterle sah einst in einem Inserat, dass dort die alte Schreinerei samt Inventar zum Verkauf stand, und beschloss, sich zusammen mit Valentin Dora selbstständig zu machen und diese zu übernehmen. Im oberen Stock gründeten sie eine Ateliergemeinschaft und vermieteten Neuenschwander das vorderste Zimmer im Spitz. Seither entstehen hier Tuschebilder, Gemälde, Skulpturen oder Holzarbeiten; Letztere in der Schreinerei seiner Freunde. Und zuweilen wird hier auch musiziert sowie an Fotografien und grafischen Konzepten gearbeitet. Man merkt: Auf ein einzelnes Medium will sich Neuenschwander nicht reduzieren lassen. Gegen Reduktion an sich hat er allerdings nichts, im Gegenteil. Im Verlauf seiner Karriere erkannte er, dass ein eng gesteckter Rahmen seine Kreativität beflügelte. Das mit den Flügeln ist wörtlich gemeint. Denn Neuenschwander kreiert tatsächlich vor allem Vögel. Ein Vogelliebhaber ist er aber nicht. Die Vogelform ergab sich eher zufällig. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass sein kreatives Universum hoch oben unter dem Dach liegt und etwas von einem Nest hat?

Beflügelt: Neuenschwanders Atelier ist unschwer am Vogel zu erkennen.
Kannst du etwas zu deinem Werdegang erzählen?
Christian Neuenschwander: Ich bin in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen. So weit ich zurückdenken kann, war es für mich immer ganz natürlich, mit meiner Fantasie und meinen Sinnen zu arbeiten. Ich liebe es einfach, Dinge zu kreieren und herzustellen. Mein beruflicher Hintergrund ist Grafikdesign, spezialisiert auf Branding und Illustration. Ich habe in mehreren Agenturen in Zürich und New York gearbeitet und habe seit 13 Jahren mein eigenes Atelier. Parallel dazu habe ich gelernt, zu fotografieren und wie man Musik spielt und produziert. Ausserdem bin ich seit meiner Kindheit leidenschaftlicher Skateboarder – eine grosse Inspiration und Motivation für mich.
Du hast auch in New York gelebt. Was hast du dort gemacht?
CN: Ich konnte dort für diese Agentur eine Auslandfiliale aufbauen. Nach drei Jahren kehrte ich in die Schweiz zurück. Unter anderem, weil meine Band ZIGITROS, die ich damals mit Alban Schelbert gegründet hatte, ziemlich erfolgreich wurde. Aber vor allem, weil mein Vater schwer erkrankt war.

Archaisch: Die Skulptur «Council» (2024) hat für Neuenschwander eine «prähistorische Anmut», wie er sagt.

Erlösung: Der Griff zum Pinsel war nach der computerlastigen Arbeit als Grafiker für Neuenschwander befreiend.
Wann wurde die künstlerische Tätigkeit wichtiger?
CN: Nach meiner Rückkehr aus New York war ich als Grafiker und vor allem als Fotograf tätig. Mit der Grafik verbrachte ich einfach zu viel Zeit am Computer, und das fing an, an mir zu zehren. Als ich dann die Snowboards für zwei amerikanische Marken gestalten sollte, griff ich zum Pinsel und entwarf die Designs auf dem Papier. Von Hand! Ich spürte gleich, dass darin mein Potenzial liegt. Und viel Freude.
Wie hast du eigentlich zur Vogelform gefunden?
CN: In einer Phase der Neuorientierung begann ich damit, mit Tusche organische Linien auf weisses Papier zu malen. Das war für mich extrem befriedigend und befreiend. So unglaublich puristisch. Ich fand, dass diese Linien auch ästhetisch eine grosse Qualität hatten. Und ich fragte mich, was für ein Element es braucht, um diese einfachen Linien irgendwie erkennbar zu machen. Dann merkte ich: Das Minimalste, was ich dieser Form hinzufügen konnte, waren ein kleiner Schlenker und ein Punkt. Und plötzlich wurde ein Wesen daraus. Das hat mir eine Welt eröffnet. Ich konnte machen, was ich wollte, ich brauchte nur diese zwei kleinen Ergänzungen.
Du sagst zwar, dass dich Vögel nicht besonders interessieren. Dennoch ist der Vogel ein archetypisches Symbol. Und er steht zugleich für eine persönliche Befreiung, richtig?
CN: Ja, ich bin zwar kein Ornithologe, aber ihre symbolische Bedeutung fasziniert mich sehr. Denn meine ursprüngliche Absicht bei der Formfindung war, in mich zu kehren und herauszufinden, was ich gerne mache. Ich glaube, die Vogelform wird mich auch in Zukunft begleiten, denn je mehr ich damit arbeite, desto mehr erkenne ich den Zusammenhang zwischen der Symbolik und meinem eigenen Wesen. Ich tauche da immer tiefer hinein.
Hier im Haus machst du auch Schalen, die man als Designobjekte bezeichnen könnte. Wie kam es dazu?
CN: Das Gestalterische entwickelte sich aus dem Bedürfnis heraus, wieder analoger zu arbeiten und etwas Sinnliches zu machen. Als dieses «Schnabelwesen» entstand, merkte ich, dass ich das vertiefen musste, da plötzlich eine immense schöpferische Energie in mir frei wurde. Ausgehend von dieser Thematik ist alles organisch gewachsen. Und ich kann immer weiter neue Dinge kreieren. Das Thema Industriedesign hat mich übrigens schon als Jugendlicher interessiert; dank der Designerin und Stylistin Connie Hüsser konnte ich meine Objekte im VitraHaus verkaufen und an Orten wie der Milano Design Week und der Design Miami Basel zeigen. Sie fordert und fördert mich sehr.

Handwerklich: An den Schalen arbeitet Neuenschwander in der Schreinerei. Es gibt sie in verschiedenen Holzarten.
Mit der Schreinerei arbeitest du immer wieder zusammen. Gab es einen besonders spannenden Auftrag?
CN: Einmal bekam ich die Anfrage, ein japanisches Pop-up-Restaurant im Widder-Hotel einzurichten. Benjamin Dieterle und ich haben dann zusammen ein ganzes japanisches Interieur konstruiert. Ich konnte dort erstmals auch meine Kunst integrieren. Das Projekt war ein grosser Erfolg.
Was sind deine Wunschprojekte für die Zukunft? Und was treibt dich an?
CN: Das Thema Kunst am Bau interessiert mich. Und ich werde weiterhin Produkte machen. Auch meine neuen Gemälde möchte ich demnächst in einer Ausstellung zeigen. Ich arbeite ganz stark aus meiner Intuition heraus und mache, was mir guttut. Wenn meine Arbeit bei den Betrachtenden ebenfalls Zufriedenheit auslösen kann, finde ich das sehr schön.

