
Vom 10. bis 12. Juni fand in Kopenhagen das Festival 3 days of design statt.
Kopenhagen hat’s drauf. Das wissen wir und das weiss Kopenhagen. Die lebenswerteste Stadt der Welt (Liveability Ranking Report 2025), sie verführt mit lässigem Charme, selbstverständlicher Unverbindlichkeit und natürlich mit gut ausgebauten Fahrradwegen (DAS Argument schlechthin, wenn es um lebenswerte Städte geht). Tagsüber bieten kleine Cafés Variationen aus der eigenen Rösterei, dazu gibt’s ein BMO (bolle med ost), ein Käsebrot. Zur Feierabendzeit blockieren dann Menschentrauben die Gehwege vor den Bars und am Wasser entlang – ein Narr, wer sich darüber aufregt, anstatt sich einfach dazuzugesellen. Und so ist es auch während der 3 days of design nur eben mit noch mehr Menschen.
Das diesjährige Motto lautet «Make This Moment Matter». Klingt gut, weil, man soll sich ja weder in die Vergangenheit flüchten noch in die Zukunft eskapieren. Stattdessen einfach mal in der Gegenwart bleiben, echte Begegnungen, echten Austausch und echte gemeinschaftliche Erlebnisse teilen. Aber das ist eben nicht so leicht, wenn sich über 460 Teilnehmende und über 600 Events ankündigen.
Und so beschleicht mich am Vorabend des ersten Festivaltages ein Hauch von Fomo – fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen. Werde ich es schaffen, all die Projekte und Firmen auf meiner Liste zu sehen und noch dazu Neues zu entdecken? Und überhaupt, werde ich die relevanten Ausstellungen und Talks besuchen, oder letztlich dort landen, wo es die breite Masse hintreibt? Dabei steht doch Dänemark, wie kaum ein anderes Land für demokratisches Design, also Design für jedermann, nicht nur für die, die es sich leisten können, somit wäre Masse ja gut und nicht despektierlich.
Als Designjournalistin frage ich mich ohnehin oft, warum der Indikator «Masse» so negativ konnotiert ist. Mag sein, dass ein «Lounge Chair» oder eine «PH»-Leuchte nicht in Massenproduktion hergestellt werden, trotzdem stehen oder hängen sie in jedem zweiten Wohnzimmer. Ausserdem sind doch die Struktur und Logik hinter der Bauhaus-Ästhetik nichts anderes als Mastervorlagen für die industrielle Fertigung, ich nennen es mal ketzerisch Massenproduktion. Aber zurück zur Messe.
Natürlich werden bei den 3dod auch Neuheiten präsentiert, aber im Vergleich zum businessgetriebenen Salone del Mobile wird Design hier stärker kontextualisiert. Obwohl sich das in vielen Fällen als Hommage an die Vergangenheit oder Blick in die Zukunft zeigt, manifestiert das zeitgeistige Motto «Make This Moment Matter» auch eine sinnliche Komponente, bei der es ums Erleben geht. Bei Georg Jensen wird gespielt und bei Fritz Hansen gehört. Bei Carl Hansen werden Mobiles gebastelt, bei Bretz wird geatmet und bei Vipp taucht man in einen Sofa-Pool ab. Kopenhagen wird zu einer immersiven Mise en abyme, selbstbewusst selbstreferenziell, hej, tack, schön wars.
So ganz kann ich meine Fomo während dieser drei Tage nicht abschütteln. Immer wieder begegne ich anderen Designjournalist:innen, die mir von ihren Highlights berichten und für einen kurzen Augenblick denke ich F***, das ist mir durch die Lappen. Doch dann berichte ich ihnen von meinen Highlights und merke an ihrem Gesichtsausdruck, dass es ihnen genauso geht.
Einige Tage nach meiner Rückkehr google ich wie wild «3dod Rückblick» und studiere sämtliche Artikel der artverwandten Publikationen. Das Ergebnis: ein paar Überschneidungen, aber ganz viel Diversität und unterschiedliche Highlights. Und dann dämmert es mir: Fomo, das ist was für Feiglinge. Für alle, die nicht den Mut zur Lücke haben. Für alle die «Make This Moment Matter» eben nicht schaffen, weil sie durchs Leben rennen. Vielleicht ist Kopenhagen deshalb so lebenswert, weil die Stadt keine Angst hat, etwas zu verpassen aber ganz gewiss kommt dieser Rückblick so spät, weil das Verweilen im Moment eben seine Zeit braucht.
Ich bin mit meiner Ausbeute zufrieden.
