«Händler und Hersteller müssen sich heute mehr denn je weiterentwickeln»

Designobjekt.ch

Der Onlineshop designobjekt.ch wird von sieben Schweizer Herstellern gemeinsam betrieben.

Der Corona-Virus hat die Schweizer Designmöbelbranche hart touchiert. Im Gespräch erklärt Jürg Scheidegger von Blugo, Agentur für Design, wie er die letzten Wochen erlebt hat und wieso neue Konzepte wie der Onlineshop designobjekt.ch jetzt wichtiger sind denn je.

Wie haben Sie die vergangenen zwei Monate erlebt?
Jürg Scheidegger:
Anfangs war es sehr hektisch, im Lockdown wurde es aber sehr ruhig. Ich arbeite für verschiedene Hersteller wie Thut und Tossa in der Schweiz sowie Marset, ein spanischer Leuchtenhersteller. Dieser wollte vor dem Lockdown in der Schweiz noch möglichst viele Architekten und Händler besuchen. Man ahnte wohl, dass danach Reisebeschränkungen aufkommen würden. So sind wir anfangs März für eine Woche durch die Schweiz gereist und haben Händler und Architekten besucht. Für mich war das eine spezielle Erfahrung, auf diese Situation war ich nicht wirklich vorbereitet. Einige Händler gaben sich bereits sehr distanziert, andere hingegen zeigten sich überschwänglich – die Situation wirkte irgendwie eigenartig. Und dann kam der Moment, als alle Fachhändler schlossen und verschiedene Hersteller in Kurzarbeit gingen. Nach etwa zehn Tagen spürten wir, dass die Umsätze deutlich eingebrochen sind. Speziell war auch, dass ich normalerweise einen regen Mailaustausch mit meinen Händlern pflegte, aber auch dieser ist rapide zurückgegangen. Wir mussten feststellen, dass lediglich Händler, die im Objektbereich tätig sind, «normal» weiterarbeiten konnten. Bei Thut wie bei vielen anderen Firmen wurde Kurzarbeit eingeführt. Dennoch können wir sagen, dass es doch nicht so dramatisch war, wie wir es uns vorgestellt haben.

Hat sich diese Situation wieder ein wenig erholt?
JS:
 Zu Beginn des Lockdowns entstand eine enorme Hektik, als viele Hersteller und Händler noch Material und Produkte beschaffen und vertreiben wollten. Anschliessend kam der Einbruch, der bis jetzt anhält. Wir hoffen natürlich, dass sich das in diesen Tagen mit den Lockerungen ändert. Die Fachhändler bekamen zum Teil Ihre Waren nicht mehr, da in verschiedenen Ländern die Firmen schliessen mussten, ganz besonders waren die italienischen Designhersteller betroffen. Einige Schweizer Hersteller konnten im März und April vereinzelte Aufträge von guten Kunden verbuchen, die bewusst Bestellungen tätigten. Dies waren leider Ausnahmefälle. Die Folge war, dass Händler ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt haben. In dieser Zeit geht es darum, dass die Liquidität gewährleistet ist, und da dennoch Mietkosten anfallen, sind viele Firmen am Kämpfen. Kurzarbeit war in diesen Fällen sicher eine gute Lösung, aber das reicht bei Weitem nicht.

Wie geht es weiter?
JS:
Ich bin grundsätzlich ein Optimist aber auch ein Ökonomist. Das, was ich aus der momentanen Lage herauslesen kann, ist, dass wir auf eine Rezession zusteuern. Für die Möbelbranche ist dies kein gutes Zeichen. Ich habe kleine Rezessionen in den 1990er- und in den 00er-Jahren erlebt und das hiess für die Möbelbranche immer, dass wir es früher, aber auch länger zu spüren bekommen. Schliesslich sind Möbel, speziell jene im Designsegment, Luxusgüter.

Welchen Stellenwert hat das CH-Design in einer solchen Zeit?
JS:
 Es ist wünschenswert, dass Werte wie Nachhaltigkeit und «buy local» einen Aufschwung erhalten. Viele Transportwege waren unterbrochen. Aus Italien beispielsweise konnte man keine Produkte oder Materialien importieren. Das wird wohl für die Zukunft keine Auswirkungen auf das Kaufverhalten haben, doch die Themen sind nicht neu: Viele Schweizer Hersteller legen seit Jahren grossen Wert auf lokal und nachhaltig produzierte Produkte. Eine andere Hoffnung ist, dass die aktuelle Situation das Thema «Cocooning» weiterspinnt. Wenn man wieder mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringt, legen die Leute auch wieder mehr Wert auf ihr Zuhause und die Einrichtung. Der Sommer steht bei uns vor der Tür und der zieht die Leute nach draussen. Gartenmöbel sind momentan sehr gefragt und in dieser Hinsicht gibt es sicherlich eine positive Wende. Dies betrifft leider nur einen kleinen Teil des Gesamtumsatzes.

Im Onlineshop designobjekt.ch lassen sich exklusive Möbel wie etwa dieser vielseitig einsetzbare Werkzeugschrank «490» von Thut finden.

Wie kann man den Konsumenten für CH-Design sensibilisieren?
JS:
Da helfen nicht zuletzt die Medien wir ihr von meter und Das Ideale Heim. Aber es liegt natürlich auch am Hersteller, dass er seine Produkte gut präsentiert. Es ist kein Geheimnis, dass viele kleine Hersteller in der Schweiz ein Defizit in der Kommunikation haben, was nicht zuletzt daran liegt, dass es ihnen auch an Marketinggeldern fehlt.

Wirkt es sich jetzt nicht besonders positiv auf die Schweizer Möbelbranche aus, dass die Schweiz kein typisches «Schnäppchenjäger-Volk» ist?
JS:
Die Schnäppchen-Kultur hat ihren Weg auch in die Schweiz gefunden. Die Möbelbranche in der Schweiz leidet auch unter den Rabatt-Aktionen, die verschiedenste Teilnehmer anreissen. Aber meiner Meinung nach ist es den Schweizer Händlern in den letzten Jahren gut gelungen, ihre Leistung zu verkaufen. Heute muss man transparent sein und dem Kunden den Weg von der Planung über die Montage bis zur Lieferung aufzeigen. So weiss er genau, wofür er zahlt und dass diese Leistung seinen Wert hat.

Wie sehen Sie die Auswirkungen auf das Produktdesign?
JS:
 Wir müssen erst die Designer auf diese gesellschaftlichen Themen reagieren lassen. Ich persönlich denke, dass die ganze Thematik um Nachhaltigkeit durch die Krise nochmals unterstützt wird, alles andere wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Was heisst Corona für den Produktionsstandort Schweiz?
JS:
 … dass aktuelle Probleme deutlich verstärkt werden. Wenn man beispielsweise lokal produziert, muss eine grosse Produktivität gewährleistet sein. Die Schweizer Hersteller stehen da enorm unter Druck. Durch die Rezession wird dieser Druck zunehmen, die Kunden werden mehr auf den Preis achten und das wird sich direkt auf die Möbelbranche auswirken. Schweizer Möbel dürfen nicht teurer werden, ansonsten haben wir gegenüber ausländischen Herstellern noch grössere Schwierigkeiten zu bestehen. Aber ganz unabhängig vom Land muss schliesslich das Preis-Leistungsverhältnis stimmen.

Der Sekretär «littera» von Tossa kann man ebenfalls auf designobjekt.ch erwerben.

Welche Verantwortung haben CH-Hersteller in Bezug auf Nachhaltigkeit?
JS:
 Nachhaltigkeit war bereits vor Corona ein grosses Thema. Ich kann an dieser Stelle nur persönlich antworten: Ich finde Nachhaltigkeit extrem wichtig! Wir sind es unserer Umwelt, unserer Gesellschaft und der Zukunft schuldig, jetzt zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Wenn der ökonomische Druck höher wird, wirkt sich das vermutlich nicht positiv auf Nachhaltigkeitsgedanken aus.

Welche Werte werden in Zukunft in der Möbelbranche präsent sein?
JS:
Cocooning - vielleicht wird man sich wieder vermehrt in die eigenen vier Wände zurückziehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir gute Produkte präsentieren, die den Bedürfnissen der Kunden entsprechen. Dies ist für die Möbelbranche eine grosse Chance!

Mit Designobjekt.ch haben Sie vor drei Jahren einen wichtigen Schritt gemacht, um CH-Design den Konsumenten zugänglicher zu machen und Fachhändler zu unterstützen. Können Sie uns kurz das Konzept dahinter erklären?
JS:
Designobjekt.ch ist ein Onlineshop von sieben Schweizer Firmen. Der Verkauf erfolgt allerdings nicht über den Hersteller, sondern über diese Plattform, wo auch die Fachhändler Mitglieder sein können. Für uns war es wichtig, dass wir uns damals mit den neuen Medien und Onlineshops vertraut machten, und gleichzeitig wussten wir, dass kleine Unternehmen wie Thut oder Tossa dies nicht alleine stemmen können. So haben wir Mitstreiter gesucht. Mittlerweile sind es sieben Schweizer Hersteller, die diese Plattform zusammen betreiben. Der zentrale Gedanke dabei ist, dass die Hersteller nicht direkt verkaufen wollen, sondern dass der Verkauf über die Fachgeschäfte abgewickelt wird.

Wie funktioniert ein Einkauf auf Designobjekt.ch?
JS:
Der Kunde wählt auf der Webseite das Produkt aus, welches er kaufen will, und bei der Bezahlung kann er auswählen, über welches Fachgeschäft der Kauf abgewickelt werden soll. Nachdem der Kunde seine Adresse eingibt, wird der geografisch nächste Händler in seiner Umgebung angezeigt. Der Kunde kann aber selbst wählen, ob er diesen Händler oder einen anderen unterstützen will. Zudem kann der Kunde entscheiden, ob das Produkt nur geliefert oder auch montiert werden soll. Wird nur eine Lieferung verlangt, erfolgt diese über einen Spediteur. Bestellt man das Produkt inklusive Montage, erfolgt die Lieferung über das Fachgeschäft, was einen Preisaufschlag von fünf Prozent ausmacht. In jedem Fall ist der ausgewählte Händler am Verkauf beteiligt.

Zu den Herstellern gehören: EmbruLehniMoxschindlersalmerónSeledueThut Möbel und Tossa.

Seit Corona gibt es noch ein neues Feature?
JS:
Anfangs war es so, dass der Händler keinen direkten Link zum Shop Designobjekt.ch auf seiner Webseite integriert hatte, sonst hätte er riskiert, dass jemand auf seiner Seite einsteigt, aber den Kauf über einen anderen Händler, der beispielsweise geografisch näher liegt, abwickelt. Neu kommt man über den Shop beim Händler direkt in den «Endshop». Der Verkauf wird über ihn abgewickelt und andere Händler werden nicht angezeigt.

Die Unternehmen, die da mitmachen sind meines Erachtens zum Teil auch Konkurrenten. Wie gehen die damit um, dass sie in einen Topf geworfen werden? Wie ist die Solidarität untereinander?
JS:
Als kleine Unternehmen musste man sich auch bereits vor der Corona-Krise unterstützen. Die Schweizer Hersteller haben immer eng miteinander zusammengearbeitet. Es sind auch viele freundschaftliche Beziehungen daraus entstanden. Besonders die sieben Hersteller, die sich für Designobjekte.ch zusammengetan haben, unterstützen sich sehr. Man geht zusammen an Messen, hat gemeinsame Auftritte an den Design Days Genève, an der Designmesse Neue Räume in Zürich oder am Designers Saturday in Langenthal. Beim Schweizer Fachhandel sieht es ein wenig anders aus, da man sich ausserhalb einer Region weniger kennt. Aber die Zusammenarbeit hat in der Schweiz immer gut funktioniert.

Wie wurde die Idee vom Schweizer Handel aufgenommen?
JS:
Sehr positiv, der Schweizer Handel hat erkannt, dass wir gemeinsam Erfahrungen sammeln und erste Erfolge verbuchen können. Denn das Defizit im Möbel-Onlinemarkt ist immer noch gross. Einzig ein paar wenige Händler verfügen über einen Onlineshop. Die meisten zeigen noch keine Aktivität in diesem Bereich auf.

Ist eine Plattform wie Designobjekt.ch das Modell der Zukunft?
JS:
Sowohl als auch, ich glaube der stationäre Fachhandel hat immer noch eine gute Zukunft. Die Geschäfte wird es noch lange geben und brauchen. Lediglich die Form wird sich verändern. Ich sehe Ausbaumöglichkeiten im Dienstleistungsbereich und in der Planung. Showrooms werden aber an Fläche verlieren. Händler werden weiterhin bestehen. Bei kleinem Marketingbudget ist es für viele Firmen der beste Weg, ihre Produkte an den Kunden zu bringen. Ausser Frage steht, dass sich kleine Händler sowie Hersteller heute mehr denn je weiterentwickeln müssen, und Designobjekt.ch ist ein erster Schritt.

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