Von der Landschaft zum Molekül

Atelier NL

Beide sind Perfektionistinnen, aber grundverschieden: Die Niederländerinnen Lonny van Ryswyck (l.) und Nadine Sterk.

Der Vergleich «wie Sand am Meer» hat ausgedient: Heute werden mancherorts Kriege geführt um ein Material, dessen wir uns lange sicher glaubten. Sand ist – neben Wasser – zum meistbegehrten Rohstoff schlechthin geworden. «Es gäbe genug Sand auf der Welt. Der Mangel entsteht, weil wir ihn nicht nachhaltig zu nutzen wissen», so Lonny van Ryswyck. Die niederländische Designerin von Atelier NL setzt sich seit Jahren mit der Nutzung lokaler Ressourcen wie Sand oder Ton auseinander. Konservative Schätzungen gehen von 47 Milliarden Tonnen Sand aus, die jährlich weltweit abgebaut werden – zulasten ganzer Landstriche, Ufer- und Flusslandschaften sowie Inseln, die im Meer versinken.

Zusammen mit dem inzwischen verstorbenen britischen Geologen Micheal Welland organisierten van Ryswyck und ihre Atelierpartnerin Nadine Sterk das Symposium «The Abundance and Scarcity of Sand», wo Designer, Künstler, Wissenschaftler und die lokale Gemeinschaft eingeladen waren, über die ökologischen Herausforderungen im Sandabbau zu diskutieren. «Angefangen hat alles mit unserer Faszination für das Material. Die Sandkrise zu lösen war nie unser Ansatz», so van Ryswyck. «Wir entdeckten, wie viele Arten von Ton es allein in den Niederlanden gibt. Im Zuge dessen stiessen wir auf Sand und fingen an zu testen, wie wir aus verschiedenen Sandarten Glas herstellen können.»

Während einer Residency im Noordoostpolder setzten sich die Designerinnen intensiv mit dem Land und seinen Bewohnern auseinander. 

Visuelle Datenbank: Alle Grabungsstellen werden archiviert. Jede Gegend, jedes Sandkorn hat eine Geschichte zu erzählen.    

Ihre umfassenden Recherchen zeigen, dass viele Sandarten zu Glas verarbeitet werden können – nicht bloss der von der Industrie verwendete weisse Sand. 

Die Designerinnen fertigen die preisgekrönten Kollektionen «Clay Service» und «ZandGlas» aus selbst gesammeltem, lokalem Ton und Sand. 

Van Ryswyck und Sterk beschäftigen sich intensiv mit den Gegenden, wo sie Ton oder Sand gewinnen. Während eines Aufenthalts im ländlichen Noordoostpolder etwa besuchten sie örtliche Bauern, sprachen mit ihnen über ihr Land, dessen Geologie und Geschichte und gruben nach Ton. «Ein Eimer voll Erde bleibt anonym. Die Geschichten der Bauern verleihen dem Land Identität», so Sterk.

Akribisch legen die Designerinnen Archive an, kartografieren, registrieren, füllen Kästen mit Material, das sie in der Umgebung der Abbaugebiete finden. So wird die intensive Recherche von van Ryswyck und Sterk zu einer visuellen Datenbank, auf der bei neuen Projekten aufgebaut werden kann.

Sterk und van Ryswyck verbindet eine gemeinsame Philosophie, die sie in ihrem Schaffen antreibt. Ihre Zusammenarbeit basiert auf Ergänzung: Während Sterk mit der Leitung des Ateliers betraut ist, beschäftigt sich van Ryswyck mit den Projekten von übermorgen. «Nadine sorgt dafür, dass laufende Aufträge zuverlässig und präzise umgesetzt werden. Sie trifft klare Entscheidungen. Ich bin eine Entdeckerin,  habe eintausend Ideen pro Minute. Nadine sorgt dafür, dass manche auch umgesetzt werden», so van Ryswyck.

 

Die handbetriebene «Clay Machine» verdeutlicht die Transformation von Erdklumpen zu Ton. Die Fliesen zeigen die Farbenvielfalt des Naturmaterials.

Atelier NL wird mittlerweile auch mit urbanen Projekten betraut. So werden die Designerinnen die Innenstadt Eindhovens mit handgefertigten Pflastersteinen aus lokalem Ton auslegen, gesammelt in den Gärten der Einwohner. Die Palette von Erdfarben ist schon auf über 50 angewachsen – Erdtöne passen immer zusammen, so Sterk.

Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist ein zentraler Punkt in ihrer Arbeit: «Es geht nicht nur um dich und dein Projekt. Es gibt eine Welt da draussen! Dies versuche ich auch meine Studenten zu lehren», so van Ryswyck. «Wenn du die Welt nicht aus dem Blick verlierst, bringt dich das viel weiter. Es ist wichtig, auch die kleinsten Dinge mit Sorgfalt zu behandeln; sich Zeit zu nehmen für die Menschen um einen herum. Auch wir mussten das erst lernen. Früher haben wir gearbeitet wie verrückt. Mittlerweile wissen wir, wie wichtig es ist, Sorge zu tragen – zu dir selbst, aber auch zu deiner Umgebung.»

Wie viel Kraft gemeinschaftliche Projekte freilegen können, erleben die Designerinnen immer wieder selbst. Etwa durch ein Crowdfunding, mit dem sie ihr Eindhovener Atelier vor dem Verkauf retteten. Oder durch das Projekt «To See a World in a Grain of Sand», wo über 700 Menschen partizipierten und flaschenweise Sand aus aller Welt nach Eindhoven sandten. Designer und Künstler, so van Ryswyck, hätten die Aufgabe, die Gräben zwischen Wissenschaft, Industrie und Gemeinschaft zu überbrücken. Um gemeinsam einen Wandel möglich zu machen.       

 

Der Artikel erschien in der aktuellen September Ausgabe von Das Ideale Heim.