Das Weiterdenken einer Vision

Umbau «Le Cèdre» in Lausanne

Innenansicht der lichtdurchfluteten Eingangshalle des «Le Cèdre» in Lausanne mit Marmorboden und prismenartiger Deckenstruktur. Im Vordergrund stehen gelbe Sessel an einem runden Marmortisch, im Hintergrund sind das farbenfrohe Wandgemälde «Sunrise on the Lake» sowie die Holzskulptur «Big Cedar Leaf» von Claudia Comte vor einer grossen Glasfront mit Blick in den Park zu sehen.

Kunst, Design, Architektur: Im Hauptsitz der Vaudoise Versicherungen, entworfen von Jean Tschumi, verschmilzt alles zu einem Gesamtkunstwerk. Die gelben Sessel und der runde Tisch basieren auf Entwürfen Tschumis und wurden für die Sanierung rekonstruiert. Im Hintergrund sind die neuen Kunstwerke «Sunrise on the Lake» und «Big Cedar Leaf» von Claudia Comte zu sehen.

Das «Cèdre» verdankt seinen Namen den mächtigen Libanon-Zedern auf dem Grundstück, wo Anfang der 1950er-Jahre der Hauptsitz der Vaudoise Versicherungen entstehen sollte. Die vier markanten Bäume zogen damals so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass sie zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen und Medienberichte wurden. Eine Vorgabe der Stadt Lausanne verlangte ihren Erhalt – für Jean Tschumi jedoch waren die Zedern weit mehr als eine Auflage. Er machte sie zum Ausgangspunkt seines Entwurfs und bezog die bestehende Landschaft bewusst in die Architektur ein. Entstanden ist ein Bauwerk, das heute als Ikone der modernen Schweizer Architektur und als wegweisendes Vorbild der Corporate Architecture gilt.

Trotz einer ersten Sanierung in den 1990er-Jahren entsprach das denkmalgeschützte Gebäude nicht mehr den heutigen Anforderungen an Komfort, Technik und Energieeffizienz. Mit einem Wettbewerbsverfahren auf Einladung suchte die Vaudoise deshalb nach einem architektonischen Konzept, das den Bau fit für die Zukunft machen und zugleich sein architektonisches Erbe bewahren sollte. Als Sieger ging das Lausanner Büro Itten+Brechbühl mit dem Projekt «Un moment charnière» hervor. Gelungen ist eine Sanierung, die den Entwurf Jean Tschumis mit grossem Respekt behandelt, die historischen Qualitäten des Bestandes wieder freilegt und das Gebäude behutsam in die Gegenwart führt.

Aussenansicht des Haupteingangs des «Le Cèdre» in Lausanne. Die helle Rasterfassade des Vaudoise-Hauptsitzes wird von den mächtigen Ästen einer Libanon-Zeder eingerahmt, die im Vordergrund des sonnigen Parks steht. Über dem gläsernen Eingangsbereich ist das grüne Logo der Vaudoise Versicherungen an der Fassade angebracht.

Heute verbleiben noch zwei der Libanon-Zedern, die dem Geschäftssitz der Vaudoise in Lausanne einst seinen Namen gaben.

Seitenansicht der hellen Rasterfassade des «Le Cèdre» in Lausanne. Im gepflegten Aussenbereich sind ein gepflasterter Weg, zwei rechteckige Wasserbecken und eine bronzene Skulptur zu sehen. Die grossen Fenster der Büroetagen sind teilweise durch blaue Lamellenstoren verschlossen, was einen farblichen Akzent zur weissen Betonstruktur setzt.

Die Sichtbetonoberflächen der Fassade wurden bei der Sanierung äusserlich nicht verändert. So bleibt das historische Erscheinungsbild mitsamt den Kunstwerken im Park vollständig erhalten.

Experiment mit Vorbildcharakter

Für Jean Tschumi war das «Cèdre» mehr als nur ein Verwaltungsgebäude: Der Auftrag bot ihm die Gelegenheit, neue Ideen zur Büroarchitektur im grossen Massstab zu erproben. Nach einer Studienreise in die USA brachte er zahlreiche Impulse nach Lausanne. So verfügte der Bau über eines der ersten Grossraumbüros der Schweiz, ein Personalrestaurant, eine Tiefgarage sowie innovative Heizungs- und Lüftungssysteme.

Gleichzeitig entwickelte Tschumi eine Architektur, die sich bewusst von den monumentalen Verwaltungsbauten ihrer Zeit abhob. Statt Repräsentation setzte er auf Offenheit, Licht und fliessende Beziehungen zwischen Innen- und Aussenraum. Die grosszügig verglaste Eingangshalle schafft Sichtbezüge zwischen Park und Genfersee, während der 135-Grad-Winkel der beiden Gebäudeflügel immer wieder neue Perspektiven eröffnet. Auch die Fassaden reagieren auf ihre Umgebung: Grüne Fensterrahmen auf der Südseite nehmen Bezug auf den Park, das Grau der Nordfassade auf die Stadt.

Charakteristisch für Tschumis Entwurf ist seine konsequente Gestaltung bis ins Detail. Er entwarf das Mobiliar selbst und stimmte Materialien, Farben und Oberflächen sorgfältig aufeinander ab. Eigens in Auftrag gegebene Brunnen, Mosaike, Fresken und Skulpturen vervollständigen den Bau zu einem Gesamtkunstwerk, in dem Architektur, Design und Kunst eine untrennbare Einheit bilden.

 

So sah ein Arbeitstag bei der Waadt-Unfall (heute Vaudoise Versicherungen) im Jahr 1973 aus. Es war eines der ersten Grossraumbüros der Schweiz.

Auch die Tiefgarage war eine der ersten in der Schweiz. Da Jean Tschumi der Ansicht war, dass selbst das Untergeschoss Tageslicht erhalten sollte, liess er dort Seitenfenster einbauen.

Auf einer Studienreise in die USA entdeckte Tschumi das Personalrestaurant. So lernten die Mitarbeitenden, die bis anhin ihre Mittagspause zu Hause verbracht hatten, das Prinzip des Self-Service kennen.

Respektvolle Erneuerung

Statt das Gebäude grundlegend umzubauen, suchte das Team von Itten+Brechbühl nach Wegen, Tschumis ursprüngliche Ideen wieder sichtbar zu machen. So wurden auf mehreren Etagen Innenwände entfernt oder durch Glaswände ersetzt, um Transparenz, Tageslicht und Blickbezüge zu stärken – Eigenschaften, die den Originalentwurf von Beginn an prägten.

Besonders anspruchsvoll war die energetische Erneuerung der denkmalgeschützten Fassade. Da die Sichtbetonoberflächen äusserlich nicht verändert werden durften, konzentrierten sich die Eingriffe auf Dächer, Parkhausdecke und opake Fassadenteile. Sämtliche Aluminiumverkleidungen wurden demontiert, nummeriert, restauriert und nach der Dämmung wieder am Originalplatz montiert. So liess sich die Energieeffizienz deutlich verbessern, ohne das Erscheinungsbild des Gebäudes zu verändern.

«Was mich berührt, ist das Wiederaufleben ursprünglicher Ideen von Jean Tschumi. Man erkennt diese mathematisch anmutende Eleganz: nur das, was notwendig ist, nicht mehr und nicht weniger. Eine seltene Präzision, die dieser Sanierung eine bemerkenswerte Richtigkeit verleiht.»  

Auch die Gebäudetechnik knüpft bewusst an Tschumis Vision an. Das ursprüngliche Lüftungssystem am Fusse der Fassade war für seine Zeit visionär: Die Luft wurde vertikal den Fenstern entlang geblasen, um eine thermische Barriere gegen Kälte und Hitze zu schaffen – ein Prinzip, das die Sanierung nun technisch neu interpretiert. Ebenso modern war Tschumis Konzept der thermoaktiven Decken zur Temperaturregulierung, das in den 1950er-Jahren in der Schweiz ein Novum darstellte. Im Rahmen der Erneuerung wurde diese Idee durch ein modernes System aus perforierten Aluminiumplatten ersetzt, das heute Heizung, Kühlung sowie Akustik übernimmt.

Paul-Antoine Terrier, verantwortlicher Architekt bei Itten+Brechbühl, beschreibt das Projekt so: «Das Gebäude war 1956 in seiner Funktionsweise und Ästhetik seiner Zeit voraus. Die Herausforderung bestand darin, den Räumen und Anlagen einen Hauch von Modernität zu verleihen und dabei den Geist von Tschumis Projekt zu bewahren und die historischen Elemente wieder in den Vordergrund zu rücken.»

Die skulpturale Betontreppe in der Eingangshalle ist ein architektonisches und technisches Meisterwerk. Ihre Unterseite macht den aufwendigen Herstellungsprozess sichtbar: Die Form wurde mit einer Holzschalung vorbereitet und anschliessend in einem einzigen Betonguss ausgeführt.

Eine skulpturale Wendeltreppe verbindet die Büroetagen und schafft Sichtbezüge über alle Geschosse hinweg.

Das Treppenhaus ist beispielhaft für Tschumis helles, offenes Design, das Industriematerialien wie Beton, Glas und Aluminium vereint.

Im Rahmen der Sanierung wurden die Übergänge zwischen den zwei Gebäudeflügeln – die sogenannten «charnières» – als offene Begegnungszonen neu gestaltet. Die farbenfrohe Möblierung und die grosszügigen Fensterfronten schaffen attraktive Rückzugsorte für den informellen Austausch.

Das Gesamtkunstwerk lebt weiter

Kunst war im «Cèdre» nie bloss Dekoration. Schon beim Bau wählte eine Kunstkommission aus über 350 Projekten jene Werke aus, die mit der Architektur in einen Dialog treten sollten. Entsprechend sorgfältig ging man bei der Sanierung mit diesem Erbe um: Zahlreiche historische Werke wurden restauriert, darunter Wandmalereien, Brunnen, Mosaike, Skulpturen und Uhren. Auch originale Möbelstücke aus Tschumis Entwurf wurden anhand von Archivunterlagen rekonstruiert oder aufgearbeitet.

Gleichzeitig wurde das Ensemble um neue Kunstwerke erweitert. Für die Eingangshalle etwa schuf die Waadtländer Künstlerin Claudia Comte das Wandgemälde «Sunrise on the Lake» sowie die Skulptur «Big Cedar Leaf». Letztere entstand aus dem Stamm jener Zeder, die Ende 2023 vor dem Gebäude umgestürzt war, und greift damit die enge Verbindung zwischen Gebäude und Landschaft wieder auf. Der Fotograf Yann Gross wiederum beschäftigt sich in seiner Fotoserie «Fortune» mit der Zukunft von Waldökosystemen und führt so das Naturthema des Entwurfs fort. So bleibt das «Cèdre» auch nach der Sanierung das, was es von Anfang an sein sollte: ein Gesamtkunstwerk, in dem Architektur, Design, Kunst und Landschaft untrennbar miteinander verbunden sind.

ittenbrechbuehl.ch, vaudoise.ch

Im Rahmen der Sanierung hat die Kunstkommission das «Cèdre» mit zeitgenössischen Werken bereichert. Dazu gehört die Fotoserie «Fortune» von Yann Gross, die die Ausbreitung von Palmen in Tessiner Wäldern thematisiert.

Vor der geschwungenen Treppe entfaltet sich «PM058» (2011), die monumentale Wandmalerei von Stéphane Dafflon – ein eindrückliches Beispiel vom Zusammenspiel von Kunst und Architektur.

Das Mosaik «Le noir volant» (1957) von Jean-François Liegme wurde von Tschumi bewusst so platziert, um den Blick auf den See zu rahmen.

Die fünfzehn von Jean Tschumi entworfenen und mit Keramikmosaiken von Pierre-Amon Monnard verzierten Wandbrunnen wurden im Zuge der Sanierung sorgfältig restauriert.

Unter den restaurierten Objekten befinden sich auch die charakteristischen Wanduhren des Gebäudes.