«Ein Haus muss seine Geschichte erzählen können»

Porträt Raumtakt

Raumtakt agiert seit zwölf Jahren an der Schnittstelle zwischen Architektur und Raumgestaltung, mit Fokus auf die Transformation von Bestandsgebäuden. Der Begriff, unter dem das Büro diese Arbeit fasst, ist nicht Abriss und Neubau, sondern Übersetzen. «Bei der Umnutzung von Bestandsbauten geht es nicht nur um bauliche Veränderungen, sondern um das Erzählen neuer Geschichten in bestehenden Räumen», sagt Gründer und Geschäftsführer Stefan Müller.

Der Bestand wird analysiert, bewertet und in Teilen erhalten und ist damit ein zentraler Entwurfsgegenstand beim Weiterbauen. Stefan Müller sagt dazu: «Wenn du wirklich mit Bestand arbeitest, dann kommst du auf so viele Themen: bauphysikalische Fragen, Akustik, Trittschall, die Auswirkungen einer Aufstockung auf die Unterräume. Diese Herausforderung mag ich.»

Das Büro von Raumtakt in Zürich.

Der Sitzungsraum bei Raumtakt. 

Arbeiten mit dem Vorgefundenen 

Die Entwurfshaltung von Raumtakt richtet sich zugleich auf das Vorgefundene und auf das Kommende. «Ein gut umgebautes Haus erzählt sowohl von seiner Vergangenheit als auch von seiner Zukunft.» Im Umgang mit denkmalgeschützten Objekten bedeutet das, bei einem Wanddurchbruch Teile der alten Struktur bewusst sichtbar zu lassen. Bei Bauten der Siebzigerjahre bedeutet es, die emotionale Verbindung der Bewohnenden als planerische Grösse zu integrieren. Das Haus wird modernisiert und bleibt in seiner Identität erkennbar.

Am Projekt Triemlistrasse hatte die Bauherrin das Elternhaus, in dem sie selbst aufgewachsen war, an die nächste Generation weitergegeben. Sie wohnt heute in unmittelbarer Nähe. «Sie hat fast geweint beim Umbau. Sie befürchtete, dass alles ausgehöhlt würde und sie sich nachher gar nicht mehr mit dem Haus identifizieren könnte, in dem sie aufgewachsen ist.» Das benennt die eigentliche Dimension der Umbauaufgabe: Hinter jedem Eingriff stehen Menschen, für die ein Haus eine hohe emotionale Bedeutung im Leben hat. «Weiterbauen ist die präzise Transformation der vorgefundenen Logik in eine neue räumliche Präsenz.»

Porträt von Stefan Müller, Inhaber und Geschäftsführer von Raumtakt

Stefan Müller, Inhaber und Geschäftsführer von Raumtakt

Denken auf Vorrat

Vorausschauendes Planen ist bei Raumtakt eine methodische Grundhaltung. «Wenn wir ein Dach neu dämmen und Fenster ersetzen, denken wir bereits an eine Fassadendämmung mit, die vielleicht erst später kommt. So dimensionieren wir alle Zu- und Rückläufe der Heizung von Anfang an so, dass später eine nachhaltigere Heizlösung integriert werden kann, ohne wieder alles aufreissen zu müssen.» Das Büro begleitet Bauherrschaften zudem dabei, Investitionen steuerlich sinnvoll über mehrere Jahre zu verteilen.

«Ein gut umgebautes Haus erzählt sowohl von seiner Vergangenheit als auch von seiner Zukunft.»  

Suffizienz als Entwurfsprinzip

Suffizienz ist für Raumtakt keine nachgelagerte Massnahme, sondern integraler Bestandteil des Entwurfsprozesses. «Im Zeitalter der Ressourcenknappheit ist der kreative Umgang mit bestehender Bausubstanz die zentrale Aufgabe der Architektur.» Bewahren, weiterbauen, Zukunft schaffen für Menschen und Klima, so auch der Claim des Büros. In der Praxis bedeutet das eine konsequente Low-Tech-Haltung: einfache, robuste und wartungsarme Systeme, die ohne komplexe Gebäudetechnik auskommen und vorhandene bauliche Ressourcen als aktive Entwurfsparameter nutzen.

Dieser Ansatz arbeitet nicht mit Reduktion als Dogma, sondern mit gestalterischer Präzision. Im Projekt mit South Pole wurden wiederverwendete Elemente in einem charakteristischen Blauton gestrichen, neue Einbauten aus heimischem Fichtenholz gefertigt. «Alles, was diese Farbe hat, ist Bestand. Alles, was neu angebaut wurde, ist aus Fichtenholz. So entsteht eine konstruktive Ablesebarkeit, die gleichzeitig ressourcenschonend ist.»

Die Auszeichnungen bestätigen die Tragfähigkeit dieses Ansatzes: Nomination Design Preis Schweiz, Selektion Open House Zürich, German Design Award sowie der iF Design Award Gold 2026, der in dieser Kategorie an lediglich 75 von über 10'000 Einreichungen vergeben wurde.

Vier Projekte, ein Ansatz

Bachtobelstrasse, Zürich-Wiedikon: Das Reiheneinfamilienhaus von 1890 wurde bis auf die Tragstruktur zurückgebaut. Eine Gründungsstabilisierung mit 19 Mikropfählen bis in 15 Meter Tiefe sicherte den setzungsempfindlichen Untergrund. Eine filigrane Stahltreppe übernimmt die vertikale Erschliessung; grossflächige Verglasungen im Erdgeschoss herstellen den Bezug zum Aussenraum. Das Projekt erhielt den iF Design Award Gold 2026 – einer von 75 Goldpreisen unter über 10'000 Einreichungen.

 

Das Haus an der Bachtobelstrasse in Zürich

Die Küche des Hauses 

Die Sicht aus der Küche ins Wohnzimmer.

Meisenweg, Zürich-Wollishofen: Das denkmalgeschützte Reihenhaus von 1924, Teil der inventarisierten Siedlung Meisenweg, wurde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege transformiert. Charakteristische Elemente wie die Fischgrätböden aus Buchenholz und die Treppe aus Eiche blieben erhalten. Das zuvor kaum genutzte Dachgeschoss wurde ausgebaut.

Die Raumgestaltung offenbart interessante Details im Haus.  

Die Küche im Haus am Meisenweg besticht durch die Farbgebung.

Bäckerstrasse, Zürich. Eine Machbarkeitsstudie untersucht die räumliche und funktionale Weiterentwicklung des Mehrfamilienhauses von 1894: sorgfältige Modernisierung der bestehenden Wohnungen sowie eine massvolle Nachverdichtung unter Wahrung der prägenden Strassenfassade.

Ein Haus von aussen

Das Haus an der Bäckerstrasse in Zürich.

Einsiedlerstrasse, Horgen. Das Einfamilienhaus der 1970er-Jahre, eingebettet in den gewachsenen Baumbestand am Zürichsee, wurde in zwei Eigentumswohnungen überführt. Der Eingriff umfasst die Erneuerung der Gebäudehülle, den Ersatz der Heizung durch eine Luftwärmepumpe sowie die Installation einer Photovoltaikanlage. Die Überführung in zwei eigenständige Wohneinheiten erfolgte unter Wahrung des räumlichen Charakters des Bestands.

Ein Haus

Ein Haus in Horgen wurde zu zwei Eigentumswohnungen überführt.