
Das von Degelo Architekten renovierte Arbeiterhaus befindet sich in einem industriell geprägten Quartier in Münchenstein. Während der neue Balkonturm aus hellem Massivholz einen Kontrast zum Bestand bildet, hält sich die neue Photovoltaikanlage optisch zurück.
Dort, wo das Wasser fliesst, sammelte sich früher oft die Industrie an. In Münchenstein (BL) war es die Birs, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert Papier-, Textil- und später chemische Betriebe anzog. Mit den Fabriken kamen die Menschen – und mit ihnen entstanden die typischen Arbeiterhäuser: einfache, robuste Bauten mit kompakten Grundrissen, die das Wohnen auf kleiner Fläche effizient organisierten.
Ein solches Arbeiterhaus am Fuss der Münchensteiner Dorfkernzone haben Degelo Architekten über mehrere Jahre sorgfältig renoviert. Das Ziel war es, die bestehende Bausubstanz in ihrem Ausdruck zu bewahren. So fügt sich auch der Ausbau des Dachgeschosses zurückhaltend in den Bestand ein. Zum Hof hin entstand eine neue Lukarne, die den Wohn- und Essraum aufnimmt, während sich zwei zimmerbreite Dachfenster rahmenlos in die Photovoltaikanlage einfügen; im geschlossenen Zustand erscheint die gesamte Dachfläche so als homogene, dunkle Glasfront. Ergänzt wird der Bestand durch einen hölzernen Balkonturm, der alle Geschosse anschliesst und die Fläche der knapp 50 Quadratmeter grossen Wohnungen um wertvolle 13 Quadratmeter ins Freie erweitert.

Im Hinterhof befand sich ein baufälliges Waschhaus, das Degelo Architekten zum Tiny House umnutzten.
Vom Anhängsel zur Eigenständigkeit
Gerade bei Arbeiterhäusern mit ihren kompakten Grundrissen wurden funktionale Räume – vom Kohlelager bis zur Waschküche – oft in kleine Nebengebäude ausgelagert. So auch bei diesem Objekt: Im Hof befand sich ein längst obsolet gewordenes Waschhaus, das bereits am Zerfallen war. Da eine Renovation ohne Umnutzung wenig Sinn machte – das Waschen ist dank moderner Waschmaschinen längst in den Hauptbau gezogen – entstand die Idee, das Gebäude als Minihaus zu nutzen. Auf der Fläche von nur 13.5 Quadratmetern sollte dabei eine Wohneinheit entstehen, die eigenständig oder als temporäre Erweiterung der Wohnungen im Vorderhaus genutzt werden kann.
«Da das Waschhaus ausserhalb der Bauzone liegt, durfte es trotz Baufälligkeit nicht abgerissen und neu gebaut werden. Es durfte jedoch Bauteil für Bauteil erneuert werden», erzählt Architekt Heinrich Degelo. Dieser Herausforderung nahm sich das Basler Architekturbüro an: Laut Bewilligung durfte eine Aussendämmung von 30 cm an das bestehende Volumen angebracht werden. Diese wurde in Holzelementbauweise erstellt und war somit selbsttragend. Danach konnten in einem aufwändigen Prozess die baufälligen Teile im Inneren entfernt werden. Die Öffnungen wurden dabei aus dem Bestand übernommen und mit metallenen Laibungen gefasst, während das Gebäude mit einer Stahlfassade verkleidet wurde, die über die Jahre durch Rost eine lebendige Patina entwickeln wird.

Die blanke Stahlfassade soll über die Jahre eine lebendige Rostpatina entwickeln.

Die Fassadenöffnungen wurden aus dem Bestand übernommen.
Beim Innenausbau liess sich das Architekturbüro von der Einsiedelei – einer Wohnform, die seit Jahrhunderten überliefert ist – inspirieren. «Im Sinne dieser frühen Form von ‹reduced to the max› haben wir durch Weglassen nicht erforderlicher Elemente einen selten gewordenen Reichtum erzielt», so Heinrich Degelo. Ein massives Natursteinmöbel strukturiert den kleinen Raum und trennt WC und Dusche ab. Der Schlafbereich befindet sich auf einer Galerie und ist über eine in die Wand eingelassene Leiter erreichbar. Das Projekt zeigt auf bescheidene und dennoch eindrückliche Weise, wie man auch den kleinsten Bauzeugen neues Leben einhauchen und sie für die Zukunft bewahren kann.
