Partizipativ denken: Squadra

Portrait Architekturkollektiv Squadra

Squadra ist ein junges Architekturkollektiv aus Zürich, welches die Trennung zwischen Entwurf und Umsetzung mit neuen Ansätzen hinterfragt. Das Team setzt auf Zusammenarbeit und lotet die Abhängigkeiten in ihrem Gebiet aus. «Wir glauben an die Kraft der Eigeninitiative und Partizipation», so das Credo des Kollektivs.

Ein Beispiel für ihre vielfältige Arbeit ist die Zwischennutzung einer ehemaligen Schiessanlage im denkmalgeschützten Zeughaus auf dem Zürcher Kasernenareal. Mit dem Projekt «Maison Shift» leistet das Architekturkollektiv einen Beitrag zu zukunftsfähiger Architektur durch eine rückbaubare und auf die Nutzungsdauer ausgelegte Raumgestaltung. 

Seit 2023 haben diverse Künstler:innen und Kulturschaffende die Möglichkeit, im Zeughaus 4 zu arbeiten. Durch den Auszug der Kantonspolizei ist das Areal öffentlich zugänglich und ist nun bis 2028 zur Zwischennutzung freigegeben.

Materialien aus einem ehemaligen Schiessstand 

Die Planung und der Bau der Maison Shift wurden von Squadra selbst durchgeführt, wobei durch einen flexiblen Planungsprozess die Wiederverwendung von Baumaterialien möglich wurde. Vor Ort gefundene Objekte und Materialien erhielten ein zweites Leben: Platten aus dem ehemaligen Schiessstand wurden zu Tischen und Küchenoberflächen umfunktioniert, einschliesslich der Dellen, die durch die Schüsse entstanden waren. Aus alten Reifenregalen einer Autowerkstatt wurde das Wand- und Regalsystem gebaut. Alle Teile können später auch demontiert und wiederverwendet werden.

Die Atelierräume sind durch Tore vom Projektraum getrennt, die mithilfe einer eigens entwickelten Konstruktion geöffnet werden können.

Der Projektraum bleibt auch im Winter unbeheizt. Bestehende Materialien wurden wiederverwendet: Die Pendelleuchten wurden neu an den Stützen befestigt und die Platten aus dem Schiessstand zu Möbeloberflächen umfunktioniert.

Das Regalsystem wurde aus alten Reifenregalen einer Autowerkstatt gebaut.

Die Winterbox schafft Arbeitsplätze für die kalte Jahreszeit. Die Holzmodule stammen aus einer Ausstellung des Museum Rietberg.

Funktional und reduziert auf die Nutzungsdauer

David Moser, Mitglied von Squadra, berichtet: Nur die Ateliers können im Winter geheizt werden. Der Projektraum bleibt unbeheizt. Um trotzdem Arbeitsplätze für die kalte Jahreszeit zu schaffen, baute das Kollektiv eine Box auf Rollen aus Holz und Plexiglas, in der gearbeitet werden kann. Die Holzmodule dafür stammen aus einer Ausstellung des Museums Rietberg. «Diese Teile haben wir genau so vom Museum erhalten, wie wir sie verbaut haben», sagt Moser. 

Die Mieter:innen der Ateliers schätzen die Arbeit von Squadra. Besonders die Winterbox kam gut an. «Der geschlossene Kubus ist eine gute Idee, die auch wirklich funktioniert», berichtet eine Mieterin. Allgemein wird Maison Shift als «tolles Projekt, das wir jeden Tag schätzen», von den Nutzer:innen gelobt. Auch das Öffnen der Tore – ermöglicht durch eine vor Ort entwickelte Stahlseilkonstruktion mit Bohrkernen von einer nahegelegenen Baustelle als Gegengewichte – schafft eine völlig neue Atmosphäre und erweitert den nutzbaren Raum erheblich.

«Solche Projekte wie Maison Shift sind spannend, weil sie durch die begrenzte Nutzungszeit sehr reduziert sein können. Wir haben nur das gemacht, was wirklich nötig war. Manchmal verlieren Projekte etwas, wenn alles perfekt sein muss. Es ist spannender, wenn man weiss, was wichtig ist, und den Rest in den Hintergrund stellen kann», sagt Moser.



Haus im Mosogno di Sotto
Die Casetta in Mosogno di Sotto wurde gemeinsam mit vielen Freunden und lokalen Handwerker:innen zu einem bescheidenen Wohnhaus umgebaut.
neue Küche mit bestehendem Waschbecken

Da alle Materialien entweder zu Fuss hochgetragen oder per Helikopter eingeflogen werden mussten, wurden auch bei diesem Projekt Teile wiederverwendet. So wurde hier zum Beispiel das bestehende Waschbecken wieder eingesetzt.

Brauchen, was da ist 

Squadra geht es aber nicht nur darum, funktionale und ästhetische Lösungen zu finden, sondern diese auch mit sozialem und ökologischem Bewusstsein zu verbinden. Sie arbeiten oft mit Materialien, die vor Ort verfügbar sind, und entwickeln ihre Projekte direkt auf der Baustelle weiter.

Dies ermöglicht eine flexible Herangehensweise, die oft erst im Verlauf der Arbeit konkrete Formen annimmt. Dabei schätzen sie den engen Austausch mit der Bauherrschaft, mit Handwerker:innen und anderen Fachleuten. Durch den Selbstbau sammeln sie praktische Erfahrungen und können aus jedem Projekt lernen und ihre Methoden weiterentwickeln.

Das junge Architekturkollektiv im Einsatz.

Für das Projekt Lavie hat das Kollektiv Elektrotrassen demontiert und sie auf eine neue Art wiederverwendet. 

Die demontierten Trassen werden neu als Wandpaneele eingesetzt.

Die Ladeneröffnung mit den neuen Wandpaneelen, die als Raumtrenner dienen.

Die Zusammenarbeit im Kollektiv ist für Squadra zentral. Kennengelernt haben sich die Mitglieder an der ETH Zürich, Squadra entstand aus dem gemeinsamen Interesse am Selbstbau und Experimentieren. 

Obwohl sie  heute in verschiedenen Städten leben, kommen sie für Projekte zusammen. Sie tauschen ihre Werkzeuge, die sie sich über die Jahre angesammelt haben, und ihr Wissen aus und schaffen so eine dynamische Arbeitsumgebung.

Ihre Projekte wachsen organisch aus der Gruppe heraus. Dabei beschränken sie die Zusammenarbeit nicht nur auf Mitglieder des Kollektivs. «Wir schätzen es sehr, von Handwerker:innen zu lernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Diese Kooperationen sind für uns sehr wertvoll, weil sie oft zu neuen, kreativen Lösungen führen», sagt Moser.

www.squadra.works

 

Das neuste Projekt: Eine Enoteca in Bellinzona

Für eine energieeffiziente Weinkühlung wurden Hanfkalksteine und restaurierte Stahlfenster verwendet, während Tische und Regale aus dem recyceltem Holz der alten Enoteca gefertigt wurden.

Der Fokus von Squadra liegt darauf, mit vorhandenen Ressourcen und Materialien zu arbeiten und Gebäude nicht abzureissen, sondern zu transformieren. Ziel ist es, die Nachhaltigkeit in der Architektur voranzutreiben und innovative Wege zu finden, um sowohl kleine als auch grosse Projekte zu realisieren, ohne dabei die Prinzipien ihres Kollektivs zu vernachlässigen.

Mit ihrem einzigartigen Ansatz, der Entwurf und Umsetzung nahtlos miteinander verbindet, und ihrem Engagement für soziale und ökologische Verantwortung stehen Squadra für eine neue Art des architektonischen Schaffens.

Mit dem Abschluss ihres neuesten Projekts in Bellinzona begibt sich das Kollektiv auf neue Wege. Einige Mitglieder widmen sich eigenen Projekten, doch Squadra wird sicher künftig wieder zusammenfinden.

 

Squadra: Alessia de Gottardi, Bela Dalcher, David Moser, Lian Stähelin, Luca Bazelli, Matthias Müller-Klug, Thierry Vuattoux

Mitwirkende «Maison Shift»: Andrea De Gottardi, Ella Eßlinger, Grace Oberholzer, Jasper Engelhardt, Johannes Hirsbrunner, Julian Märkel, Norma Clematide, Romain Iff und Sophie Keel