
Seit der Gründung seines Büros im Jahr 1995 hat Smiljan Radić ein vielfältiges Werk geschaffen, das von privaten Wohnhäusern über kulturelle Institutionen bis hin zu Installationen reicht.
Der chilenische Architekt Smiljan Radić Clarke (*1965) ist mit dem Pritzker-Preis 2026 ausgezeichnet worden – eine der bedeutendsten Ehrungen im Feld der Architektur. Die Jury würdigt damit einen Architekten, dessen Arbeiten sich einfachen Kategorisierungen entziehen.
Radićs Architektur bewegt sich zwischen Beständigkeit und Vergänglichkeit. Massive Strukturen stehen neben fragilen, beinahe flüchtigen Konstruktionen. Seine Räume wirken weniger über Form als über Atmosphäre – leise, präzise und auf Wahrnehmung ausgerichtet.
Eine wiedererkennbare Handschrift vermeidet Radić bewusst. Jedes Projekt ist eine eigenständige Untersuchung, geprägt von Ort und Nutzung. Viele seiner Gebäude erscheinen unvollständig oder provisorisch, mitunter fast instabil. Gerade darin liegt ihre Qualität: Sie bieten Schutz, ohne sich aufzudrängen.
Projekte wie das in Felsen eingelassene Wohnhaus «Casa Pite» in Papudo zeigen diesen Ansatz exemplarisch. Auch das Weingut VIK in Millahue folgt dieser Logik: Ein grosser Teil des Gebäudes liegt unter der Erde, überspannt von einem gespannten Textildach. Der Zugang führt durch einen Steingarten zur transparenten Fassade.
Neben Neubauten spielt die Transformation eine zentrale Rolle. Mit dem NAVE Performing Arts Center, das 2015 in seiner Heimatstadt Santiago de Chile fertiggestellt wurde, ergänzt Radić ein verwittertes Wohnhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert durch neue Volumen, die die bestehende Struktur aufnehmen. Bestehendes wird nicht ersetzt, sondern weitergeführt und überlagert.
Konstruktiv sind seine Arbeiten von grosser Präzision geprägt. Materialien wie Beton, Stein, Holz und Glas werden gezielt eingesetzt, um Gewicht, Licht und Atmosphäre auszubalancieren. Im Teatro Regional del Biobío in Concepción moduliert eine semitransparente Gebäudehülle das Licht und erfüllt zugleich akustische Anforderungen.
Für den «Serpentine Pavilion» 2014 in London entwarf Radić eine leichte, beinahe schwebende Struktur aus transluzentem Fiberglas, die auf massiven Natursteinen ruht. Gefiltertes Tageslicht und gezielte Öffnungen verbinden Innen und Aussen und unterstreichen seinen Umgang mit Architektur als etwas, das eher aufliegt als fest gegründet ist.
Mit der 55. Vergabe des Pritzker-Preises wird ein Architekt geehrt, der Architektur nicht über Geste, sondern über Haltung definiert. Seine Bauten sind keine Objekte, sondern Räume – zurückhaltend, präzise und erst im Erleben vollständig.

