
Die Filmbiografie von Thor Klein und Lena Vurma kommt am 11. März in die Kinos.
Eine Gebirgsstrasse in Mexiko. Durch unwegsames Gelände reist die britische Künstlerin Leonora Carrington (Olivia Vinall) zu einer neuen Wirkungsstätte. Ihr Förderer Edward James (Ryan Gage) möchte ihr ein Refugium bieten: Im Regenwald hat der exzentrische Brite mit «Las Pozas» einen surrealistischen Skulpturengarten errichtet – einen paradiesischen Garten Eden, der ihm selbst aus einer Krise half und nun auch Leonora erden und inspirieren soll. Doch Leonora kommt nicht als unbeschriebenes Blatt. Inmitten der üppigen Natur wirkt sie seltsam entrückt, melancholisch: «Die Tore zum Paradies sind der Hölle so nah», sagt sie. Das wird in der darauffolgenden Partyszene zum Programm: Die Boheme-Gesellschaft rund um James stimmt ein lebensfrohes Lied über den Tod an – so, als feierte man hier im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Aus diesem Prolog heraus entfaltet sich der Film «Leonora in the morning light» nicht als sauberer Lebenslauf, sondern als lose Folge von Erinnerungen, Sprüngen, Bildern.
Eine weibliche Stimme im Männerkanon
Der Surrealismus ist von den Namen grosser Männer geprägt: Salvador Dalí, Max Ernst, André Breton, René Magritte. Doch eine der wichtigsten Künstlerinnen dieser Bewegung, Leonora Carrington, 1917 in Clayton Green (Nordengland) geboren, blieb lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen, obwohl sie neben Frida Kahlo und Georgia O’Keeffe zu den höchstverkauften Malerinnen weltweit zählt. Die Filmbiografie «Leonora in the Morning Light» des Regisseur:innenduos Thor Klein und Lena Vurma holt sie aus dieser Randposition, und zwar als Künstlerin, nicht als Muse.
In den 1930er Jahren bricht Carrington mit den gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit und schliesst sich in Paris der surrealistischen Bewegung an. Dort trifft sie unter anderem auf den Maler Max Ernst (Alexander Scheer), mit dem sie eine stürmische Liebesaffäre beginnt. Als Ernst im Krieg als «feindlicher Ausländer» festgenommen wird, erleidet sie einen schweren Zusammenbruch; in Spanien folgt eine psychiatrische Behandlung. Schliesslich gelingt ihr die Flucht nach Mexiko, wo sie ihre Freiheit und ihre eigene Stimme als Künstlerin findet. In Malerei und Literatur verbindet sie surrealistische Bildwelten mit mexikanischen Mythen und prägt die Szene bis zu ihrem Tod 2011.

Leonora Carrington beschreitet nach ihrem Zusammenbruch für den Rest ihres Lebens den schmalen Grat zwischen Kreativität und psychischer Fragilität – im Film eindrücklich porträtiert durch Hauptdarstellerin Olivia Vinall.
«Las Pozas» als Gegenbild zur Vernunft
Eine zentrale Rolle im Film spielt der von Kunstsammler Edward James gebaute Skulpturengarten «Las Pozas». In der Nähe von Xilitla (Mexiko) verschmelzen dort im subtropischen Bergregenwald Beton und Vegetation zu einer surrealistischen Traumlandschaft: Plattformen, Säulen und Treppenläufe stehen zwischen natürlichen Pools und Wasserfällen – eine Art «Architektur ohne Zweck», in der Türen ins Nichts führen und Treppen scheinbar nirgendwo ankommen. «Leonora in the Morning Light» ist der erste Spielfilm, der hier gedreht wurde.
Sehenswert ist der Film gerade für ein Architekturpublikum, weil er zeigt, wie Räume Biografien rahmen – und umgekehrt: wie Biografien Räume aufladen. «Las Pozas» erscheint dabei nicht als «schöne Verrücktheit», sondern als gebautes Gegenbild zur Vernunft: ein Versuch, sich eine Welt zu errichten, in der das Unbewusste Platz hat. Vor diesem Hintergrund wirkt auch Carringtons Lebensweg nicht geglättet, sondern im besten Sinn geöffnet – als Erinnerungsgang, in dem Paradies und Hölle, Kunst und Krankheit, Freiheit und Verantwortung erschreckend nahe beieinanderliegen.
«Leonora in the Morning Light» ist ab dem 11. März in Schweizer Kinos zu sehen. Alle Daten zur Kinotour mit dem Regisseur:innenduo findest du hier.

