«Es geht immer um Atmosphäre»

Zu Besuch bei Interioratelier Sert

Yusuf Sert vor seinem Interioratelier in der Zürcher Altstadt.

Wenn Yusuf Sert von Möbeln spricht, geht es selten um Marken, einen bestimmten Hersteller oder gar das neuste Produkt. Und das, obwohl der Interior-Fachmann einen siebten Sinn für besondere Gegenstände und einen untrüglichen Geschmack hat, wie sein Laden im Zürcher Oberdorf zeigt.

Interioratelier Sert

Wenn er von einem Esstisch spricht, dessen eine Ecke ein bisschen zu weit in den Sofabereich hereinragt, gerade so, dass man bequem durchkommt, aber gleichzeitig im Vorbeigehen gerne seine Tasche ablegt, wenn man frisch nach Hause kommt und sich als erstes auf den Weg in die Küche macht, um sich etwas zu trinken zu holen, passiert etwas Magisches. Es entfaltet sich sofort eine Wohnung vor dem inneren Auge. Es muss nicht mal die eigene sein, doch die Vorstellung ist so real, dass man augenblicklich von seiner Passion eingesogen wird. Dabei kann er beim Reden über die gläserne Tischplatte vor sich streichen, sodass seine Worte mit dem kalten Geräusch unterlegt sind, wie es nur Haut auf Glas zu erzeugen vermag. In Wahrheit steht man mit ihm vor diesem Tisch, rückt ihn ein paar Zentimeter weiter nach vorne, ein bisschen mehr zur Seite, stellt vier der acht Stühle einfach mal weg – denn, sind wir doch ehrlich, meistens sitzt man sowieso nur zu dritt dort – und geniesst diesen Triumph, wenn es Klick macht und der Raum plötzlich stimmt.

Es geht immer um Atmosphäre, so lautet die Prämisse von Sert. Nicht um die Details oder ein wunderschönes Möbelstück. Wenn man sich wirklich wohlfühlt in einem Raum, ist es seine Gesamtwirkung, das nicht-Greifbare und nicht die Tatsache, dass der neue Parkettboden einen Tick heller lasiert ist als üblich. Dass dieser Ansatz weder in der Architektur noch der Designwelt längst keine Offenbarung mehr ist, weiss er selbst am besten. Stimmungen und Experiences werden inzwischen designt, Gebäude haben Charakter, Einrichtungen werden ganzheitlich. Doch das ist nicht Sert.

«Ich arbeite nicht nur wie ein Innenarchitekt, der ein Gesamtkonzept macht. Wir machen uns zusammen auf den Weg und dann erst merkt man, wohin es geht. Das kann sich über Jahre ziehen, denn die Kunden kaufen bei mir keine fertige Einrichtung. Man entwickelt sich in Etappen, auch in Sachen Interior», sagt er. Und erzählt im nächsten Satz von seinem steinalten Holztisch, den er Zuhause stehen hat und als Art Ritual mit immer wechselnden Seifen kräftig einschäumt. Und wie die Stühle, die an ihm stehen völlig willkürlich ausgewählt sind und sowieso meistens von Schaffellen bedeckt werden, um die sich die Kinder dann immer streiten.

Möbel bekommen bei Sert eine Funktion und Bedeutung. Statt blosse Kulisse eines Lebens zu sein, wie man es gerne führen würde, schaffen sie in seinen Schilderungen Raum für das Leben wie es ist. Der allgemeine Trend in der Welt des Interieurs hat sich in den letzten Jahren weg von sterilen, überstylten Kataloginszenierungen hin zu tatsächlichen Wohnsituationen entwickelt. Serts Herangehensweise ist die Erweiterung davon und zeugt von dem wohl wichtigsten Werkzeug, das seinem Urvertrauen in Atmosphäre zugrunde liegt: Der Intuition diese zu lesen und mit unbeirrbarem Geschmack zu fördern.