
In mehreren Welten daheim: Ville Kokkonen arbeitet in den unterschiedlichsten Bereichen der Designdisziplin und ist regelmässig auf Achse.
Wenn man das Panorama von Ville Kokkonens Terrasse aus erblickt, kann man erahnen, warum es den finnischen Designer ausgerechnet nach Murg am Walensee verschlagen hat. Die Sicht auf Berg und See ist eindrücklich. Es war mitunter die Nähe zur Natur, die Kokkonen an Murg reizte. Aber da war noch etwas Gutes: Platz. Davon hat es in der alten Spinnerei nämlich zuhauf. Noch bis in die 1990er-Jahre in Betrieb wurde die Spinnerei später neuen Nutzungen zugeführt. In den grosszügigen Räumlichkeiten des früheren Fabrikareals wohnt und arbeitet der Designer seit rund neun Jahren. Er schätzt an diesem Ort die nach wie vor bestehenden Werkstätten. Auch von der Nähe zu kleinen Manufakturen in der Gegend profitiert der Industriedesigner. Die meisten Prototypen und Modelle stellt Kokkonen selbst her. Von der alten Spinnerei ist man in vier Minuten am Bahnhof und von dort schnell in Zürich, anderen Städten oder am Flughafen. Beste Voraussetzungen, um national und international vernetzt zu bleiben und zugleich frei arbeiten zu können.

Hand anlegen: Ob Nähmaschine oder Forschungslabor, Ville Kokkonen ist ein vielseitig interessierter Gestalter.

Viel Raum für Experimente: Seit einigen Jahren hat sich Ville in der alten Spinnerei in Murg eingerichtet.
Was war deine Motivation Designer zu werden?
Ville Kokkonen: Schon zu Beginn meines Studiums sah ich Design als weites Feld. Von Handwerk bis Hightech umfasst es viele Gebiete. Ich brachte eine Grundneugierde für das Potenzial von Design mit. Nach meinem Bachelor in Kanada und meinem Master in Finnland war ich mehrere Jahre an der Uni in Helsinki in einem Forschungsprojekt tätig, das später in Buchform publiziert wurde. Wir erforschten, wie Designmethoden helfen können, zukünftige Produkte vorauszusagen. Ich habe viel dabei gelernt.
Der erforschende Aspekt deiner Praxis blieb auch danach wichtig, wie man an vielen deiner
Entwürfe und Projekte sieht.
VK: Ja. Gleich nachdem ich mich 2004 mit einem eigenen Studio selbstständig gemacht hatte, bekam ich von Iittala den Auftrag, eine Nutzer:innenumfrage zu machen mit dem Ziel, eine neue Typologie von Alltagsglas zu entwickeln. Die Diagramme, die aus den Interviews mit Kund:innen hervorgingen, nutzte die Firma als Briefing für Designer. Bis heute nutze ich Forschung, um die Resultate in Produktentwicklungen zu implementieren. Ich finde diesen Teil des Designprozesses sehr spannend.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Spezialist:innen aus unterschiedlichen Feldern?
VK: Eine wichtige, gerade in Spezialgebieten wie der Materialforschung. Bei meinem zweiten Projekt befasste ich mich mit Holz, insbesondere mit der finnischen Holzindustrie. Später erkundete ich die Möglichkeiten der Nanotechnologie oder von Nanozellulose.

Natur und Design: Beides ist in der Gegend um den Walensee vorhanden.
Woher rührt dieses Interesse für Materialien?
VK: Es mag zwar so aussehen, als ob ich nicht auf etwas Spezifisches fokussieren kann, aber wenn ich ein Thema anpacke, dann gehe ich so gut ich kann in die Tiefe. Ich mache das entweder im Auftrag eines Kunden oder auf eigene Faust. Manchmal muss ich auch aufgeben, wenn ich nicht weiterkomme. Firmen zeigen sich immer wieder interessiert an solchen Materialprojekten.
Finnisches Design hat eine grosse Tradition. Inwiefern hat dich dieses Erbe geprägt?
VK: Ich bin mit diesem Design aufgewachsen, war aber interessanterweise lange blind dafür. Während meiner Zeit in Kanada entdeckte ich das finnische Designerbe neu und begann es in vielerlei Hinsicht zu schätzen. Von der Lektüre über die Gründungsära des finnischen Designs habe ich viel gelernt. Als ich später für Artek tätig war, war dieses Wissen wichtig. Ich halte bis heute Vorlesungen über finnisches Design.
«Wenn ich ein Thema anpacke, dann gehe ich so gut ich kann in die Tiefe.»
Wie funktioniert deine Arbeit für Kunden? Bekommst du da jeweils spezifische Aufträge?
VK: Bisher hatte ich immer viel Freiheit und konnte meine Produkte ohne spezifische Briefings erarbeiten. Manchmal entstehen Aufträge auf Basis von bereits bestehenden Projekten. Das war etwa beim «Aluminium Chair» der Fall, den ich jetzt für einen Hersteller weiterentwickeln konnte. Für Comme des Garçons und Artek durfte ich sogar einen Duft designen.
Du arbeitest regelmässig für japanische Brands. Was hat es mit der Beziehung zwischen finnischem und japanischem Design auf sich?
VK: Ich werde das häufig gefragt. Ich weiss es nicht genau. Vielleicht liegt es daran, dass Finnland auch eine Art Insel ist. Oder an den Wäldern, die beide Länder prägen. Auch in der Art, sparsam mit den Werkstoffen umzugehen, sehe ich eine gewisse Parallelität. Die Wurzeln der finnischen Kultur liegen im Osten.
Und wie nimmst du die Schweiz, ihre Designszene und ihre Geschichte wahr?
VK: Die Schweiz ist zu einem Teil meines Denkens geworden. Ich fühle mich verbunden mit meinem neuen Heimatland. Das merke ich vor allem dann, wenn ich im Ausland über die Schweiz spreche. Ich befasse mich mit dem kulturellen und handwerklichen Erbe der Gegend, in der ich lebe. Ich möchte herausfinden, wo die Wurzeln der näheren Designgeschichte liegen. Ich schätze auch die Schweizer Architektur. Mich fasziniert die Kombination des gebündelten Hightech-Knowhows, das man hier findet, und der reichen ländlichen Volkskultur. Ich arbeite regelmässig mit lokalen Manufakturen zusammen und bin auch mit anderen Schweizer Firmen wie Laufen im Austausch.
Gibt es ein Thema, auf das du in Zukunft gerne fokussieren möchtest?
VK: Ich bin je länger je mehr an der Fashion-Industrie interessiert. Nicht zwingend am Thema Kleidungsstücke, sondern eher am ökologischen Aspekt. Ich würde gerne Einfluss auf die Umweltbilanz dieser Industrie nehmen, zum Beispiel durch bessere und umweltfreundlichere Materialien. Es kann auch eine kleine Veränderung sein, aber so fangen Dinge an. Ich bin zurzeit in ein Projekt für ein namhaftes Modehaus involviert. Mal schauen, was daraus wird.

