Zu Gast in der Steingasse 47

Die Baustelle des Projekts Steingasse47.ch scheint seit unserem ersten Besuch im Sommer unverändert – fast das gesamte viergeschossige Gebäude liegt unter grossen Jutetüchern verborgen. Ein Blick hinter die textile Hülle offenbart jedoch, was in den letzten Monaten hier geleistet wurde: Die Bruchsteinmauern, die nur noch stellenweise mit beschädigtem Putz überdeckt gewesen waren, sind unter einer Schicht neuen Putzes verschwunden. «Es war der perfekte Sommer und Herbst», weist Simon Heusser auf die idealen Baubedingungen der letzten Monate hin, «trotzdem sind wir nicht ganz fertig geworden.» Der engagierte Hausbesitzer und Bauherr legt wo immer möglich selber Hand an und nimmt damit auch längere Bauphasen in Kauf. So auch beim Aufbau der neuen Fassade, für die sich Heusser, der gelernter Schreiner und Holzrestaurateur mit grossem Erfahrungsschatz ist, einen Profi auf das Baugerüst (das übrigens aus Holzbalken wie anno Bauzeit besteht) holte. Mithilfe des Maurers Armin Sidler, der sich mit seiner Firma auf Umbauten historischer Gebäude spezialisiert hat, wird der Fassadenputz nach historischem Vorbild und Befund und der Verwendung derselben Materialien wieder komplett neu aufgebaut. 

 

Das 1805 von Seckelmeister und Kantonsrat Anton Isler erbaute Haus stand 20 Jahre leer und war stark baufällig.

Der gelernte Schreiner und Holzrestaurateur Simon Heusser ist zugleich Besitzer des Hauses, Bauherr und somit sein eigener Auftraggeber beim Umbau des Gebäudes.

Eine Hülle aus Jutetüchern schützt den Putz vor zu raschem Abtrocknen und Frost, bis die Fassadenarbeiten im nächsten Frühling abgeschlossen werden können. Der Verlauf der Umbau-, Sanierungs- und Restaurationsarbeiten kann auf Simon Heussers Blog steingasse47.ch mitverfolgt werden.

Bei der Sanierung des Daches fand das Team um Simon Heusser alte Nägel aus Fichtenholz und handgeschmiedete Metallnägel. Beide wurden zur Bauzeit von Hand eingelassen – zur Befestigung der Dachlatten, auf denen die Ziegel eingehängt waren, und der Aufschieblinge auf die Sparren. 

Das neue Dach wurde ausschliesslich mit der Bauzeit entsprechenden, handgefertigten Biberschwanzziegeln eingedeckt. Diese kamen grösstenteils aus dem Bestand des Hauses, ergänzt wurde mit dazu erworbenen alten Ziegeln. Sogenannte «Feierabendziegel» (im Bild) tragen unterschiedlich kunstvolle Markierungen – sie wurden früher als letzte Ziegel der Tagesproduktion gekennzeichnet und wiesen die Leistung des Ziegelherstellers aus.

Alte Gebäude und ihre Geschichte lagen Simon Heusser schon immer am Herzen, weshalb für ihn klar war, dass er die Ersparnisse aus seiner selbstständigen Erwerbstätigkeit irgendwann für den Erwerb eines historischen Hauses einsetzen würde, um es selber umbauen und sanieren zu können. «Bis jetzt habe ich in meiner Selbstständigkeit meistens an historischen Häuser gearbeitet, konnte aber nicht immer die ganze Fülle der Restaurierung ausschöpfen. Viele Details, die mir wichtig erscheinen, waren für die Kundschaft nicht immer genauso relevant. Häufig musste ich so für mein Empfinden zu viele Kompromisse eingehen.»

An das alte Seckelhaus an der Steingasse 47 in Wohlen kam der zuletzt in der Region Zürich Wohnhafte über Umwege, erwies sich jedoch als idealer Kanditat für das geschichtsträchtige Gebäude, für das die damalige Eigentümerschaft einen Käufer suchte, der das Haus erhalten wollte. Ursprünglich gebaut wurde das Seckelmeisterhaus 1805 für den Kantonsrat und Seckelmeister (Geldverwalter) Anton Isler, der ausserdem über das Wirtenpatent verfügte. So weisen Holzwände im Obergeschoss, die bei grösserem Platzbedarf – also mehr Gästen – hochgeklappt werden konnten, sowie der Fund alter Münzen auf die Nutzung als Gaststube hin. Auch im Erdgeschoss befand sich zu einem späteren Zeitpunkt einmal eine Gaststube, wie Simon Heusser erst vor Kurzem von der 100-jährigen Frau Vock-Lüthy erfahren hatte. Sie kam auf Besuch, um einen Blick auf die Umbauarbeiten in ihrem ehemaligen Geburts- und Wohnhaus zu werfen.

Das Interesse an dem Projekt an der Steingasse 47 ist zu Recht gross. Das Engagement, die Freude und die Selbstverständlichkeit, mit der Simon Heusser die Arbeiten ausführt, sind aussergewöhnlich, bewunderns- und nachahmenswert ... Selbstverständlich hat nicht jeder Hausbesitzer das notwendige Fachwissen, das handwerkliche Geschick oder die Zeit und Ambition, in solchem Masse an einem Umbau teilzuhaben. Den hier spürbaren Respekt und das Feingefühl gegenüber dem Bestand kann sich jedoch jeder zu eigen machen.

Sichtbare Holzelemente am Dach und an der Fassade überarbeitet Simon Heusser mit einem Handhobel, um den historischen Charakter möglichst zu wahren.

Sämtliche Holzarbeiten, wie etwa das Restaurieren der historischen Fenster, hat Simon Heusser mit seinem Team selbst ausgeführt.

Ziel der Restaurierung: Möglichst viel der originalen Bausubstanz zu erhalten und die Fenstergewände nur dann ganz zu ersetzen, wenn es unumgänglich ist. Auf der Wetterseite mussten viele der Schwellen erneuert werden – dazu wurde vorgängig das Mauerwerk bei den Eckverbindungen der Fenstergewände aufgespitzt.

Die feuerpolizeiliche Massnahme aus dem Erbauungsjahr, bei der gespaltene Äste mit Stroh und Lehm umwickelt und über eine Auskerbung in Nuten geschoben wurden, ...

... kamen bei der Instandsetzung der Küchendecke und dem Aufbau des darüber liegenden Bodens in einer neuen Form wieder zum Einsatz.

Die Wiederverwendung der vorhandenen Baustoffe entspricht der beim Umbau generell verfolgten Zielsetzung einer nachhaltigen Renovation und ist auch aus denkmalpflegerischer Sicht erstrebenswert.

Seit er den Antrag eingereicht hatte, das Haus unter Schutz zu stellen, konnte sich auch die Kantonale Denkmalpflege Aargau von Simon Heussers Engagement überzeugen. Im Zusammenhang mit ihrem 75-Jahr-Jubiläum und dem «Europäischen Jahr des Kulturerbes» lud sie zu einer Führung durch die laufende Baustelle ein und ermöglichte Interessierten damit, die Besonderheit dieses Projektes persönlich zu erleben. Ausnahmsweise liegt diese nicht unbedingt an dem Gebäude selbst, sondern viel eher am Engagement dahinter. Simon Heussers Umgang mit einem Kulturdenkmal, wie er es dank eines achtsamen und bewussten Vorgehens Schritt für Schritt in die Bedeutsamkeit, ins Bewusstsein und in ein wahrzunehmendes Stadtbild Wohlens zurückführt, ist bemerkenswert.
In diesem Sinne freuen wir uns darauf, die Bauarbeiten weiterhin mitzuverfolgen!