Räume für innere Stärke

Mentale Gesundheit im öffentlichen Raum

Decision Cocoon im Lifegarden, ein Raum für Rückzug und bewusste Entscheidungsfindung.

Der Decision Cocoon ist als Schutzraum für Entscheidungsfindung konzipiert – ein Ort der Konzentration, der Geborgenheit bietet, ohne sich vom öffentlichen Raum abzukapseln.

Resilienz ist längst mehr als ein Modewort. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung, wachsender psychischer Belastung und gesellschaftlicher Unsicherheit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie wir unsere innere Widerstandskraft stärken können – präventiv und im Alltag verankert.

Mit dem Projekt Lifegarden entsteht in Zürich ein neuartiger öffentlicher Parcours, der genau hier ansetzt: Fünf begehbare Stationen verbinden aktuelle Resilienzforschung der Universität Zürich mit gestalteten Rückzugsorten im Freien. Achtsamkeit, Entscheidungsfindung, Selbstfürsorge und Perspektivwechsel werden nicht theoretisch vermittelt, sondern räumlich erfahrbar gemacht.

Re-Framer-Station im Lifegarden zur Förderung von mentaler Flexibilität.

Basierend auf neurowissenschaftlicher Forschung zeigt der Re-Framer, wie Perspektivwechsel helfen können, belastende Situationen anders einzuordnen.

Station «Re-Framer» im Lifegarden zur Übung des Perspektivwechsels.

Die Station Re-Framer vermittelt die Fähigkeit, Situationen neu zu bewerten – ein zentraler Mechanismus, um Stress zu reduzieren und die eigene Resilienz zu stärken.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Architektur. Gemeinsam mit Architekt Ralph Meury wurden Objekte entwickelt, die bewusst ohne Betonfundamente auskommen und auf mobilen Schraubenfundamenten stehen – flexibel einsetzbar und leicht adaptierbar im öffentlichen Raum. Die reduzierte Formensprache folgt einer klaren Wirkung: runde, offene Strukturen und Symbole wie der Kreis stehen für Gemeinschaft und Vertrauen.

Besonders deutlich wird dieser Ansatz im Decision Cocoon: ein halb offener Raum, der Geborgenheit bietet, ohne auszuschliessen – ein architektonischer Schutzraum für Entscheidungen in einer Welt, die schnell überfordern kann. Im Gespräch mit Myriam Zumbühl, Projektleiterin von Lifegarden, sprechen wir über Resilienz als gesellschaftliche Aufgabe, über die Rolle von Design in der Prävention und darüber, warum unsere Städte Orte brauchen, an denen man bewusst innehalten kann.

Station «Himmelbett» im Lifegarden zur Förderung von Achtsamkeit und Entspannung.

Das Himmelbett lädt zum Innehalten ein und unterstützt achtsamkeitsbasierte Übungen zur mentalen Regeneration – als Teil des präventiven Resilienztrainings im Freien.

 

Resilienzband im Lifegarden als Station zur Stärkung von Gemeinschaft und sozialer Verbundenheit.

Die kreisförmige Struktur des Resilienzbands steht für Vertrauen, Zusammenhalt und Stabilität – Grundelemente mentaler Widerstandskraft.

Resilienz ist in den letzten Jahren zu einem viel diskutierten Begriff geworden. Haben wir heute tatsächlich mehr Bedarf an innerer Widerstandskraft – oder ist vor allem unser Bewusstsein dafür gewachsen?
Myriam Zumbühl: Resilienz ist kein neues Thema. Aber es ist zu einem Modewort geworden – zum Glück. Spätestens mit der Pandemie wurde uns sehr bewusst, was wir brauchen, damit es uns gut geht. Belastung gehört zum Leben dazu. Resilienz ist kein Zustand - es ist ein Prozess den man jeden Tag ein bisschen trainieren kann. Dafür braucht es Rituale, Wissen und Unterstützung (oder: eine einfache Anleitung). Genau dafür ist der Lifegarden gedacht: als wissenschaftlich fundierte Anleitung, um die eigene Widerstandskraft aufzubauen unabhängig davon, wo man im Leben gerade steht.

Mit Lifegarden habt ihr einen Parcours entwickelt, der Resilienz räumlich erfahrbar macht. Wie funktioniert das konkret?
Myriam Zumbühl: Das Prinzip ist vergleichbar mit einem Vita-Parcours – nur für den Geist. Dort trainiert man den Körper, bei uns trainiert man verschiedene Resilienzfaktoren. Gemeinsam mit der Resilienzforscherin Prof. Birgit Kleim von der Universität Zürich haben wir fünf zentrale Faktoren definiert. Daraus sind fünf Stationen entstanden, öffentlich für alle zugänglich, am Balgrist hinter der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich am Waldrand. Eine Station heisst zum Beispiel Re-Framer. Sie beschäftigt sich mit der Fähigkeit, Situationen neu zu bewerten. Menschen, die regelmässig reframen, gehen nachweislich besser mit Stress um. Wir haben dort ein Objekt gestaltet, das den Blick in die Baumkronen oder in den Himmel lenkt und neue Blickwinkel erlaubt. Man bekommt eine kurze Anleitung, was Reframing bedeutet und wie man es im Alltag anwenden kann.

Sind die Übungen alltagsnah?
Myriam Zumbühl: Ja. Das zeigt gerade auch der Blumenring – mit einfachen Alltagsübugen zur Selbstfürsorge. Dort geht es um Dankbarkeit. Eine einfache Übung ist, sich am Ende des Tages drei Dinge bewusst zu machen, die gut waren. Studien zeigen, dass solche Rituale die Belastbarkeit stärken. Oder das Himmelbett, ein grosses Netz um ganz im Moment zu sein. Oder der Decision Cocoon, ein Raum für Entscheidungen. Wir sind heute permanent mit Entscheidungen konfrontiert – das Gehirn braucht manchmal Schutzräume, um wieder klar denken zu können.

Gestaltung scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen?
Myriam Zumbühl: Absolut. Die Stationen müssen einladend sein, ruhig, gut gestaltet. Design ist hier nicht Dekoration, sondern Teil der Wirkung. Unser Vereins-Architekt Ralph Meury hat die Formen gemeinsam mit uns entwickelt, immer ausgehend von den wissenschaftlichen Anforderungen. Und mit Blumer Lehmann als Holzbaupartner konnten wir diese filigranen Konstruktionen realisieren. 

Station «Blumenring» im Lifegarden zur Förderung von Selbstfürsorge und Dankbarkeit.

Der Blumenring steht für Selbstfürsorge und Dankbarkeit – zwei zentrale Resilienzfaktoren, die im Lifegarden als einfache Rituale für den Alltag vermittelt werden.

Warum war euch der Aussenraum so wichtig?
Myriam Zumbühl: Natur ist ein wertfreier Raum. Viele Menschen nutzen sie intuitiv für ihre psychische Gesundheit. Studien zeigen, dass schon 15 Minuten im Grünen Stress reduzieren können. Psychische Gesundheit ist in vielen Bereichen noch stigmatisiert, besonders im Arbeitsumfeld. Umso wichtiger sind Orte, an denen man ohne Hemmschwelle etwas für sich tun kann – nicht nur in Kliniken, sondern auch in Parks, auf Schulhöfen oder in Quartieren.

Ist der Lifegarden modular aufgebaut?
Myriam Zumbühl: Ja. Im Moment gibt es fünf Stationen, später sollen weitere dazukommen. Man kann einzelne Elemente einsetzen oder ganze Parcours realisieren. Wichtig ist immer die Verbindung von Raum und Wissen. Unsere Mission ist es, die individuelle Resilienz in der Gesellschaft zu stärken. Wir entwickeln auch Programme für Schulen und Gruppen, weil Resilienz stark von Ritualen und Gemeinschaft lebt.

Wie kann man die Wirkung messen?
Myriam Zumbühl: Wir führen aktuell eine wissenschaftliche Evaluation durch, erste Ergebnisse erwarten wir im Frühling. Im Moment arbeiten wir mit Feedbacks. Viele Menschen berichten, wie gut ihnen diese kurzen Rückzugsorte tun. Unser Ziel ist, dass man etwas lernt, das man in den Alltag mitnimmt – zum Beispiel beim Tram, das man verpasst: kurz innehalten, neu bewerten, den Moment anders nutzen. Das ist Re-Framing!

Wie sieht eure Vision für die nächsten Jahre aus?
Myriam Zumbühl: Toll wäre es in jedem Kanton einen Parcours zu realisieren. Wir haben bereits erste Anfragen. Es wäre schön, wenn solche Orte eines Tages so selbstverständlich würden wie Vita-Parcours für den Körper.

Zum Schluss: Was ist dir persönlich am wichtigsten an diesem Projekt?
Myriam Zumbühl: Dass wir mit gesicherten wissenschaftlichen Grundlagen arbeiten – in enger Zusammenarbeit mit der Universität Zürich und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Und dass wir unsere Städte so gestalten, dass sie unsere Gesundheit unterstützen. Jeder Mensch braucht Pausenräume. Orte, an denen man kurz die Pausentaste drücken kann. Genau das möchten wir mit Lifegarden ermöglichen.

life-garden.org