Bei Ankunft Regen. Aber das ist halb so schlimm, schliesslich sind wir schon im Regen losgeflogen und auch in Zürich scheint nicht immer die Sonne. Ich freue mich sehr auf diese Reise, weil es mal nicht um Design geht und ich als Touristin ohne Vorkenntnisse einfach mitlaufen und erleben und gut essen und trinken darf. Und so wird es auch sein die kommenden Tage, in denen wir den Westen des Landes erkunden: Vom voralpinen Tržič über das mittelalterliche Radovljica in die ehemalige Minenstadt Idrija und dann weiter nach Süden durch das Vipava-Tal bis nach Nova Gorica, Kulturhauptstadt 2025.

Wallfahrtskirche Marija na Skalci.

Teil der alten Stadtmauer in Radovljica.
Rund 45 Minuten dauert die Fahrt vom Flughafen Ljubljana bis nach Radovljica. Die Landschaft ist der schweizerischen nicht unähnlich, nie wirklich flach, hinter den Nebelschlieren erahnt man bereits Vorläufer der Alpen, das milde südeuropäische Klima schafft es nicht ganz bis in den Nordwesten Sloweniens, wo die Winter kalt und die Sommer gemässigt warm sind. In Radovljica angekommen, ziehen wir unsere Jacken etwas fester. Am 28. März macht der April schon was er will, ein kalter Wind fegt durch die kleine Altstadt, also halten wir unseren Spaziergang entlang der Stadtmauern kurz und gehen direkt ins Imkereimuseum. Das Museum befindet sich in einem Schloss und zum Auftakt der Führung gibt es erstmal ein Gläschen Honigschnaps, bevor wir dann zwischen historischen Bienenstöcken, antiken Werkzeugen und interaktiven Infostationen alles über die Geschichte und Imkereikultur Sloweniens erfahren. Ehrlich gesagt, würde ich zu Hause nie auf die Idee kommen, ein Imkereimuseum zu besuchen, aber das Schöne am Reisen ist, dass man Dinge tut, die man sonst eben nicht tun würde. Die Bienenstockstirnbretter mit ihren bunten Bemalungen haben meine Aufmerksamkeit geweckt. Die kleinen Kunstwerke sind Zeitzeugen und erzählen Geschichten vom Leben der Menschen in ihrer jeweiligen Zeit und Region.
Radovljica steckt voller überraschender Orte. Ich entdecke eine kleine Buchhandlung, in der sich alte und neue Bücher bis unter die Gewölbedecke stapeln, eine Katze rollt sich auf einem Bücherberg zusammen, sie wird später wieder auf der Türschwelle zur Schokoladen-Manufaktur auftauchen. In der Lebkuchenwerkstatt im Keller der Pension Lectar wird noch nach traditionellem Rezept gebacken, der dazugehörige Shop verkauft nicht nur das Gebäck, sondern auch hübschen Touri-Tand, der der typischen Lebkuchenherzform nachempfunden ist. Am Abend essen wir im Restaurant Hiša Linhart. Der ehemalige Pferdestall wurde in den 1960er-Jahren zu einem Gasthaus mit Zimmern umgebaut, Chefkoch Uroš Štefelin gibt den traditionellen Gerichten und regionalen Zutaten eine moderne Note und wurde dafür mit einem Stern ausgezeichnet.
Die Nacht, die wir ebenfalls dort verbringen, ist ruhig, mein Schlaf ebenso und am nächsten Morgen drücken sogar ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken.
Gleich nach dem Frühstück spazieren wir zum Rand der Altstadt in die Schokoladenmanufaktur Radol'ca Chocolate von Nataša and Gregor Mikelj. Slowenien würde man gemeinhin nicht mit Schokolade in Verbindung verbringen, schon gar nicht mit exquisiter Pralinéekunst, wie Nataša und Gregor sie betreiben. Sie sind Quereinstieger, Nataša leitete früher das Tourismusbüro in Radovljica und organisierte das jährliche Schokoladenfestival. Weil sie in ganz Slowenien keinen Chocolatier finden konnte, der in dem beliebten Städtchen eine Manufaktur eröffnen wollte, startete sie das Business selbst. Die Lieferanten für das Rohmaterial sind kleine Produzenten aus Ecuador und Peru, die Pralinen und Schokoladentafeln, die dann vor Ort in Handarbeit hergestellt werden, können es locker mit Schweizer Schokolade aufnehmen. Im anschliessenden Workshop machen wir dann unsere eigenen Pralinen, die zwar optisch nicht ansatzweise mit Gregors Kreationen mithalten können, aber die weisse, dunkle und vollmilchige Schokoladenmasse ist so köstlich, da spielt die Optik ohnehin keine Rolle.

Slowenische Pralinéekunst. Frisch zubereitet mit Rohstoffen von kleinen Lieferanten aus Ecuador und Peru.

Quereinsteigerin: Nataša leitete früher das Tourismusbüro in Radovljica.
Bevor wir via Tržič nach Idrija weiterfahren, besuchen wir noch das Apotheken- und Alchemiemuseum in einem alten Bürgerhaus. Ein wunder- und sonderbares Sammelsurium an Tiegeln und Töpfchen, Flaschen und Phiolen, Mörsern und Mischbehältern, dazu kommen antike Bücher (das älteste stammt aus dem 15. Jahrhundert) sowie eine umfangreiche Sammlung spanischer und italienischer Albarelli. Neben allerlei pharmazeutischen Exponaten widmet sich ein Teil des Museums auch der Kosmetik und Parfümproduktion. Im zweiten Workshop des Tages mischen wir uns aus Kopf-, Herz- und Basisnote unseren persönlichen Duft. Niemand wird je erfahren, dass meine Komposition tief vergraben an einem sicheren Ort in der Nähe der Stadtmauer ruht – in meinem Interesse und dem meiner Mitreisenden, denn einen Duft zu komponieren, das weiss ich nun, erfordert eine Finesse, die mein Geruchssinn offenbar nicht zu leisten vermag.
In Radovljica muss man alle seine Sinne beisammen haben, um sie dann bereitwillig auszusenden und das Unerwartete zu finden.

Die Sammlung von Tuben, Flaschen und Tiegeln dauerte 40 Jahre – to be continued.

Mixologie für Anfänger. Zu jedem Duft gehören Kopf-, Herz- und Basisnote.
In Tržič angekommen hat sich die Wolkendecke wieder zugezogen, leichter Nieselregen überzieht die Gebäude der Arbeiterstadt, deren teilweise brutalistische Architektur einen Kontrast zum beschaulichen Radovljica bildet. Tržič ist vor allem für seine Schuhfabrikation bekannt und wir besuchen ProAlp, die sich auf Wander- und Barfussschuhe spezialisiert haben und jeden Schuh grösstenteils in Handarbeit produzieren. Die Nähe zum Karawanker-Gebirge macht das Dorf ausserdem zu einem beliebten Skiort, Ende März ist es jedoch ruhig, fast leer. Es ist aber ein anderes leer als im beschaulichen Radovljica und ich frage mich, ob ich den Ort – das stillgelegte Industrieareal, die Drachenstatue oder die Denkmäler – anders erleben würde, wenn die Sonne schiene.
Über Land fahren wir weiter ins Relais & Château Kendov Dvorec. Die Ursprünge des Landhauses gehen bis ins Jahr 1377 zurück, Holzschnitzereien und Spitzentüchlein versetzen uns in eine andere Zeit. Der Blick aus meinem Fenster fällt auf die Kirche Marija na Skalci, eine berühmte Wallfahrtsstätte, im Garten blühen vereinzelt Narzissen. Ich bin in der Mastersuite untergebracht und fühle mich in den schweren, aber eleganten Holzmöbeln und Stoffen wie aus der Zeit gefallen. Das Restaurant des Hauses wird im Michelin-Guide geführt, das Menü von Chefkoch Klavdij Pirih übersetzt traditionelle Speisen aus der Region in eine leichte Küche, wie z.B. die traditionellen Idrija-Žlikrofi, kleine Teigtaschen mit einer herzhaften Füllung.
Die Nacht ist wieder ruhig, mein Schlaf ebenso und am nächsten Morgen ist der Himmel klar, beinahe wolkenlos.
Vom Frühstückstisch schmuggle ich ein Stück köstlich luftiges Hefegebäck in meine Tasche. Ich muss mich wappnen, denn heute geht es in die ehemalige Quecksilbermine von Idrija. Der Antonius-Stollen ist Unesco-Weltkulturerbe, 1995 wurde er nach fast 500jähriger Betriebszeit geschlossen, heute können Besucher:innen mit geführten Touren in die weitverzweigten Gänge abtauchen. Es ist so, wie man es sich vorstellt: eng, feucht und dunkel. Je tiefer wir vordringen, desto schmaler werden die Treppenstufen, irgendwann verliere ich im Gängegewirr die Orientierung und bin dankbar, als der Rundgang zu Ende ist und wir wieder «auftauchen».
Nur ein paar Schritte sind es vom Stollen zur Spitze. In der Idrjia Spitzenschule wird seit 1876 das traditionelle Klöppeln von Spitze gelehrt, die in die ganze Welt exportiert wird. Nach meinem epischen Versagen bei der Parfumkreation bin ich guter Dinge, den Workshop und ein einfaches Spitzenarmband hinzubekommen. Erst von unten, dann von oben, locker aus der Hand, die Fäden sind Freunde nicht Feinde. Das Ergebnis ist immerhin so, dass ich es nirgendwo heimlich vergraben muss – mehr will ich dazu nicht sagen.
Letzte Station unserer Reise sind die Kulturhauptstadt 2025 Nova Gorica und das Vipava-Tal. Die Sonne ist nun durchgekommen und taucht das Tal in ein kitschiges Abendlicht, man merkt, wie das Klima milder wird, mit dem Auto ist es nur noch eine Stunde bis zum Golf von Triest. In der Majerija begrüssen uns Nataša und Matej Tomažič. Das Menü basiert auf lokalen und saisonalen Zutaten, begleitet von Weinen aus der Region. Wer übernachten und am Morgen das Frühstück mit selbstgemachtem Brot und Marmeladen kosten möchte, findet ein gemütliches Zimmer unterhalb des Gartens: Anstatt das alte Gebäude durch einen Anbau zu ergänzen, liegen die Gästezimmer in einem unterirdischen Annex.
Die Nacht ist wieder ruhig, mein Schlaf ebenso und am nächsten Morgen blicke ich durch die Deckenfenster in einen strahlend blauen Himmel.
Bevor wir Nova Gorica ansteuern, machen wir einen letzten Zwischenstopp im kleinen Örtchen Vipavski Križ. Die mittelalterliche Siedlung befindet sich, umgeben von Mauern, auf einem Hügel im Vipava-Tal und gilt als eines der schönsten Sloweniens. Auf der einen Seite liegt die Pfarrkirche Heilig Kreuz mit einem barocken Inneren, auf der anderen Seite befindet sich das Kapuziner Kloster, dazwischen dicht gedrängt Häuser und kleine Gärten. Ganz besonders hübsch an diesem sonnigen Frühlingsmorgen ist der kleine Blumengarten am Fusse der Klostermauer, der mit seinem Farbenspiel aus Rot, Gelb und Blau die Blicke unserer Gruppe magisch anzieht. Nach all der Kultur und Kulinarik, die wir bisher erleben durften, zeigt endlich auch die Natur, was sie zu bieten hat. Denn wie von selbst wandert der Blick nun über den blühenden Garten hinaus in die Weite des Landes bis hin zu den Bergspitzen, die sich in der Ferne bläulich abzeichnen. Am letzten Tag unserer Reise zieht Slowenien alle Register.

Der Frühling ist da. Kloster in der mittelalterlichen Siedlung Vipavski Križ.

Kulturhauptstadt 2025 und weiterhin im Wandel: Nova Gorica.
Wir fahren schliesslich weiter nach Nova Gorica. Viel Zeit bleibt uns in der Stadt nicht, ein kurzer Sprint hinter den Bahnhof rüber nach Italien – je ein Bein in zwei Welten. 2025 war Nova Gorica Kulturhauptstadt Europas; dass sich die Stadt noch immer im Wandel befindet, ist zu spüren, für ein wirkliches Erleben fehlt uns am Ende leider die Zeit. Ab Zürich dauert der Direktflug nach Ljubljana nur eine gute Stunde. Das kommt mir sehr entgegen, denn es gibt drei weitere Himmelsrichtungen, in die sich das Land erstreckt und die ich gerne noch kennlernen möchte.

