
Ein Farbtupfer in Zürich West – die Remise Rosa von Hello Wood.
Wer auf der Hardbrücke steht und den Blick entlang der Geleise Richtung Hauptbahnhof schweifen lässt, entdeckt unweigerlich einen rosafarbenen Farbtupfer am rechten Gleisrand. Was aus der Distanz wie Barbies neue Stadtresidenz wirkt, ist tatsächlich eines der ungewöhnlichsten Architekturprojekte, die in den vergangenen Jahren in Zürich entstanden sind: die Remise Rosa.
Auftraggeber war die Zürcher Miteinander AG, ein Unternehmen für Gastronomie, Events und Kulturentwicklung. Die Vision: Auf einer ehemaligen Industriebrache sollte ein lebendiger sozialer Treffpunkt entstehen. Dieser Herausforderung nahm sich das ungarische Design-&-Build-Studio Hello Wood an und schuf eine 2500 Quadratmeter grosse Freizeit- und Gastronomielandschaft, die sich irgendwo zwischen Stadtpark, Restaurant, Eventlocation und urbanem Erlebnisraum bewegt.
Vom Pop-up zur permanenten Architektur
Für Hello Wood markiert Remise Rosa einen Meilenstein. Das Büro wurde international durch experimentelle Holzbauten, Architektur-Sommerakademien und temporäre Installationen bekannt, die sich oft an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und Festivaldesign bewegten. «Wir haben mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in experimenteller und temporärer Architektur in dieses Projekt eingebracht», bestätigt der leitende Architekt Balázs Szelecsényi. «Mit Remise Rosa haben wir diesen Ansatz erstmals in ein dauerhaftes urbanes Bauwerk übersetzt.»
Die Gestaltung macht diesen Hintergrund unmittelbar sichtbar. «Das Gebäude ist bewusst wie ein riesiges Haus aus Bauklötzen komponiert», erklärt Szelecsényi. «Wir wollten, dass sich das Projekt intuitiv, verspielt und leicht überraschend anfühlt – mit Elementen wie wellenförmigen Sitzbänken, überdimensionierten Treppen, kräftigen Farben, expressiven Holzkonstruktionen, kleinen Baumhäusern und einem beweglichen Wasserrad.»
Beim Verweilen sollen Besucher:innen immer wieder Neues entdecken: «Die Wege, Brücken und Erschliessungsrouten laden dazu ein, den Ort frei zu erkunden, umherzuwandern, hinaufzuklettern und verborgene Aussichtspunkte aufzuspüren.» So wird das Areal zu einer Art architektonischem Spielplatz: «Der Ort wurde geschaffen, um das innere Kind in uns zu wecken», so Szelecsényi.
Hightech-Holz als Grundlage
So verspielt das Projekt wirkt, so technisch präzise wurde es umgesetzt. Die gesamte Tragstruktur besteht aus Cross Laminated Timber (CLT), einem mehrschichtig verleimten Holzwerkstoff, der sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Baustoff des modernen Holzbaus entwickelt hat. Die kreuzweise verleimten Holzlagen verleihen dem Material eine hohe Tragfähigkeit und Formstabilität.
Für Hello Wood war CLT die logische Wahl. Das Material ist erneuerbar, langlebig und ermöglicht eine hohe Präzision in der Vorfertigung. Sämtliche Bauteile wurden mittels CNC-Technologie millimetergenau produziert und anschliessend auf der Baustelle montiert. Die weitgehende Vorfertigung reduzierte nicht nur Bauzeit und Kosten, sondern minimierte auch Lärm und Belastungen für die Nachbarschaft. Parallel zur Fertigstellung der Holzstruktur konnten bereits die Innenausbauten und die Gestaltung der Aussenanlagen erfolgen. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Remise Rosa wurde innerhalb von nur fünf Monaten realisiert.

Das bewegliche Wasserrad unterstreicht den spielerischen Ansatz des Entwurfs.

Die zahlreichen Nischen und Loggien schaffen innerhalb der offenen Anlage überraschend intime Rückzugsorte.
Für das Quartier
Zürich verfügt entlang seiner Bahnlinien über zahlreiche ehemalige Industrie- und Bahnareale, die heute zu den spannendsten Entwicklungsgebieten der Stadt zählen. Sie bieten Raum für Experimente und architektonische Innovationen – wie die Remise Rosa. «Das Projekt setzt einer von Infrastruktur dominierten Umgebung eine menschenzentrierte Architektur entgegen», sagt Szelecsényi.
Von Anfang an war das Areal als sozialer Knotenpunkt für das Quartier gedacht. Das in enger Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft entwickelte Nutzungskonzept umfasst unter anderem einen ganzjährigen Mittagstisch für die benachbarte Schule. Auch Konzerte, Ausstellungen, Workshops, Familienanlässe und kleinere Konferenzen sollen hier stattfinden. Die Remise Rosa fügt sich damit in eine Entwicklung ein, die an vielen ehemaligen Bahn- und Industriearealen zu beobachten ist: Architektur schafft hier nicht nur Räume, sondern bietet auch den Rahmen für neue Formen des öffentlichen Lebens.

Zwischen Bahnlinien, Strassen und Gewerbebauten schafft die Remise Rosa Raum für Begegnung und Aufenthalt.