Kunst als Rückzugsort

Kunstinstallation «GaiaMotherTree»

Wie häufig halten wir im streng getakteten Alltag inne? Richtig, leider viel zu selten. Als ich kürzlich den Zürcher Hauptbahnhof durchquerte, ging es aber nicht anders – ich musste für einen Moment anhalten. Hier, wo Touristen orientierungslos den Ausgang ins Freie suchen, Pendler eilig den Weg zur Arbeit antreten oder zum nächsten Termin hetzen, wurde ich vom brasilianischen Künstler Ernesto Neto zum Träumen verleitet. Zusammen mit der Fondation Beyeler hat er hier seine Installation «GaiaMotherTree» verwirklicht. 

Der brasilianische Künstler Ernesto Neto.

Vernissage mit Sonnenuntergang.

Ein buntes Geflecht aus Knoten spinnt sich seinen Weg die 20 Meter hohe Bahnhofshalle hinauf. Das Netzgebilde erinnert an eine Art organisches Zelt, geformt wie ein Baum, dessen Krone die Decke bedeckt. Ich ziehe meine Schuhe aus, trete ein und lasse mich auf einem der bequemen Sitzkissen am gepolsterten Boden nieder. Es fällt mir plötzlich ganz leicht, die belebte Bahnhofshalle auszublenden. Schnell finde ich hier Ruhe, fühle mich für einen kurzen Moment angenehm aufgehoben. Wer nun alle Sinne aktiviert, wird eingeladen mit dem Kunstwerk und seiner Umgebung in Interaktion zu treten.

Eine Verlängerung im Inneren mündet im Blumengeflecht der Decke. Ihr Ursprung schwebt knapp über dem bestickten Boden und wurde mit Hülsenfrüchten gefüllt.

«GaiaMotherTree» spricht nicht nur unser natürliches Bedürfnis nach Geborgenheit an, sondern auch unseren Geruchssinn: Tropfenähnliche Äste formen das Kunstwerk mit ihrem Gewicht und verbreiten den Duft von Kurkuma, Nelke und Kreuzkümmel. Der Künstler arbeitet ausserdem Erde, Sträucher, Bambusstöcke sowie weitere Naturmaterialien in die circa 10.000 Meter Baumwollstoff ein. In seiner Heimat Rio De Janeiro wurde der über drei Monate lang in Handarbeit gefärbt, geknüpft und im Anschluss über den Seeweg nach Zürich transportiert. Seine Farben Grün, Braun und Gelb stehen für Pflanzen, Erde und Sonne.

Aber wie lässt sich das Werk nun interpretieren?
Die vergangenen Schaffensprozesse des Künstlers wurden geprägt und entstanden teils auch in Kooperation mit dem Stamm der Huni Kuin - einer indigenen Bevölkerungsgruppe vom Rande des brasilianischen Amazonasgebiets in der Nähe der peruanischen Grenze. Auch dieses Werk scheint ästhetisch und spirituell an den Riten der Huni Kuin orientiert. Ihre Kultur, Verbindung zur Natur, Weltanschauung und Wissensschätze haben Neto geprägt. Der Künstler spielt mit der Namensgebung des Kunstwerks auch auf eine Verbindungen zur Schöpfungsgeschichte an: Sie ist der griechischen Mythologie nachempfunden. 

«Gaia, die personifizierte Erde, entspringt dem Chaos, dem Anfang aller Dinge. Sie gilt als Muttergottheit, die Leben hervorbringt, und zugleich als Todesgottheit, die die Verstorbenen in Empfang nimmt».  

 

 

Bei der Führung wird die Form des Baums und der schlangenartige Eingangsbereich als ein biblischer Verweis zu Adam und Eva interpretiert. Ihre Sündengeschichte und Intimität wird so Teil des öffentlichen Raums. Und so ist es Ernesto Neto gelungen einen Erfahrungs- und Begegnungsort zu schaffen.

Neto befreit mit «GaiaMotherTree» die Kunst aus den Räumlichkeiten der Museen und Galerien, macht sie leicht zugänglich. Es ist eine Hommage an den Kreislauf des Lebens und der Natur. Sie kann betreten, berührt, bewegt, erlebt werden. Und ich stelle fest, dass sich das Kunstwerk selbst, genau wie das Leben, im Wandel befindet: Farben verändern sich je nach Sonneneinstrahlung, Düfte sind unterschiedlich präsent, die Stoffbahnen bewegen und dehnen sich. Das Häkelkunstwerk ist die bunte Oase dieses schnelllebigen Orts. Es schwebt wie eine Insel inmitten des hektischen Alltags. Ich werde sicher noch öfters hinein schlüpfen und die Möglichkeit nutzen, für einen kurzen Moment Ruhe zu finden.


«GaiaMotherTree» kann auch bei vielfältigen Begleitveranstaltungen immer wieder neu erlebt werden. Das vom Künstler initiierte kostenlose Programm hat neben Werkführungen auch geleitete Meditationen, Knüpf- und Makramee Workshops, Lesungen und Perfomances im Angebot. Es ist in Anlehnung an ein Abwenden vom Konsum hin zum Ursprung unserer Natur entstanden. 

Eine genaue Übersicht des Programms finden Sie auf www.fondationbeyeler.ch .

30. Juni - 29. Juli 2018, Zürcher Hauptbahnhof