Zwischen Statik und Kunst

Acht spektakuläre Treppen

Wenige Elemente in der Architektur bieten so viel gestalterisches Potenzial wie die Treppe. Sie ist Notwendigkeit und Geste zugleich – und in den Händen grosser Architektinnen und Architekten wird sie zur Skulptur, zur Bühne, zum Erlebnis. Ob geschwungenes Holz, farbiger Beton oder spiralförmiger Stahl: Diese acht Treppenhäuser und Treppenanlagen aus aller Welt sind Beweis dafür, dass der Weg nach oben manchmal das eigentliche Ziel ist.

Ribbon Chapel, Seto-Inlandsee, Japan

Hiroshi Nakamura & NAP entwarfen die Ribbon Chapel als doppelte Wendeltreppe, bei der sich zwei Spiralen umeinander winden und erst ganz oben vereinen. Das Bauwerk steht symbolisch für die Verbindung zweier Menschen – und ist entsprechend als Hochzeitskapelle konzipiert. Von aussen wirkt die Konstruktion aus weissem Stahl leicht und fast schwebend, obwohl die beiden Treppen das Tragwerk des gesamten Gebäudes bilden. Ein architektonisches Kunststück, das Statik und Poesie in perfekter Balance hält.

MAXXI Museum, Rom

Zaha Hadid entwarf das MAXXI – Italiens Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst – als fliessende Raumlandschaft, in der Treppen, Rampen und Galerien nahtlos ineinandergreifen. Die Treppenanlagen sind dabei weit mehr als verbindende Elemente: Schwarze Stahlgeländer beschreiben geschwungene Kurven und unerwartete Winkel, die an Hadids surreale Architekturzeichnungen erinnern. Der Weg durch das Museum ist selbst ein räumliches Erlebnis – jede Treppe ein neuer Blickwinkel auf den Bau.

Umschreibung, München

Olafur Eliassons Installation «Umschreibung» im Atrium eines Münchner Geschäftsgebäudes ist eine frei stehende Aussentreppe in Form einer Doppelspirale. Die Stahlkonstruktion führt hinauf – und wieder hinunter, ohne je ein Ziel zu erreichen. Eliasson interessiert weniger der Nutzen als die Erfahrung: das Kreisen, das Wiederkehren, das Bewusstsein für den eigenen Körper im Raum. Die Skulptur lädt dazu ein, Architektur als Bewegung zu begreifen.

W Hotel Union Square, New York

Im W Hotel am Union Square in New York empfängt eine spektakuläre Treppenanlage die Gäste bereits beim Betreten der Lobby. Ein grossformatiger Teppich in leuchtenden Rottönen zieht sich die Stufen hinunter und erweckt den Eindruck, als würde Lava langsam die Treppe hinabfliessen. Das dramatische Farbspiel verwandelt ein funktionales Element in eine theatralische Inszenierung.

Art Gallery of Ontario, Toronto

Frank Gehry, der in Toronto aufgewachsen ist, entwarf 2008 die Erweiterung der Art Gallery of Ontario als persönliche Hommage an seine Heimatstadt. Im Herzen des Neubaus befindet sich eine organisch geschwungene Holztreppe, die sich elegant durch den lichtdurchfluteten Innenraum schraubt. Die Treppe wirkt weniger konstruiert als gewachsen – als wäre sie ein Teil des Waldes, der ins Museum gefunden hat.

The Vessel, New York

The Vessel im New Yorker Stadtteil Hudson Yards ist eine begehbare Skulptur aus 154 miteinander verbundenen Treppenläufen, 80 Treppenabsätzen und rund 2'500 Stufen. Entworfen vom britischen Designer Thomas Heatherwick, erinnert die bronzefarbene Stahlkonstruktion an einen überdimensionalen Bienenkorb. Jeder Weg durch das Bauwerk ist ein anderer – je nach Route eröffnen sich neue Perspektiven auf die Stadt und auf die anderen Besucherinnen und Besucher. 

La Muralla Roja, Calpe, Spanien

Ricardo Bofills Wohnkomplex La Muralla Roja aus dem Jahr 1973 ist ein Farbrausch in Rot, Rosa, Blau und Violett – und seine Aussentreppen sind das Herzstück dieser surrealen Welt. Die schmalen Treppenläufe winden sich zwischen den Mauern hindurch, tauchen in Schatten und tauchen wieder in gleissendes Licht auf. Bofill liess sich von nordafrikanischer Kasbahen-Architektur inspirieren und schuf eine Anlage, die sich wie ein begehbares Gemälde anfühlt.

Marsk Tower, Dänemark 

Inmitten der flachen Marschlandschaft Jütlands schraubt sich der Marsk Tower als rostfarbene Doppelhelix aus Cortenstahl 25 Meter in die Höhe. Zwei Treppenläufe winden sich um eine gemeinsame Achse, Auf- und Abstieg getrennt, der Blick nach oben offen. Das Bauwerk von Bjarke Ingels Group (BIG) dient als Aussichtspunkt über den Nationalpark Wattenmeer – ein UNESCO-Weltnaturerbe aus Wiesen, Dünen, Heide und Nordsee.