In Ponte di Legno in der Lombardei entsteht derzeit eine neue Seilbahnachse, die Valbione, Corno d’Aola und die Angelo-Spitze auf 2’200 Metern verbindet. Entlang dieser Linie plant Peter Pichler Architecture mehrere neue Bergstationen sowie eine alpine Hütte. Das Projekt ist noch im Bau. Es versteht sich als Neuordnung der bestehenden Infrastruktur im alpinen Raum.
Zwei bestehende Skilifte werden durch eine durchgehende Gondel ersetzt, die eine klare vertikale Verbindung vom Tal bis zum Gipfel schafft. Während der Auffahrt öffnen sich gezielte Blickwinkel auf Landschaft und gebaute Elemente. Die Gondel fungiert nicht nur als Transportmittel, sondern auch als bewegter Beobachtungsraum, der die Beziehung zwischen Natur und Infrastruktur erfahrbar macht.
Die neuen Stationen entstehen als leichte Holzbauten. Sie greifen lokale Bautraditionen auf und übersetzen sie in eine zeitgenössische Formsprache. Am höchsten Punkt der Anlage wird die alpine Hütte zum zentralen Ankunftsort – ein Ort für Aufenthalt, Schutz und Begegnung auf 2’200 Metern.
Welche neuen Anforderungen stellen Klimawandel, Ganzjahrestourismus und veränderte Mobilitätsmuster heute an Gebäude im hochalpinen Raum und wie verändert das Ihren Entwurfsprozess im Vergleich zu früheren Generationen?
Peter Pichler Architecture: Resilienz, Energieeffizienz und Flexibilität zählen heute zu den zentralen Anforderungen an die alpine Architektur. Gebäude müssen extremen und zunehmend unvorhersehbaren Wetterbedingungen standhalten, gleichzeitig ihre Umweltwirkung minimieren und darüber hinaus soziale, kulturelle und wirtschaftliche Funktionen für die Region erfüllen. Auch unser Ansatz hat sich im Laufe der Zeit entsprechend weiterentwickelt. Wir verfolgen heute stärker dynamische und zukunftsorientierte Strategien, ohne dabei eine retro-futuristische Perspektive zu verlieren. Traditionelle alpine Bauweisen dienen uns weiterhin als wichtigste Inspirationsquelle – insbesondere im Hinblick auf den nachhaltigen Einsatz lokaler Materialien und bewährte, zeitlose Entwurfsentscheidungen unter alpinen Bedingungen.
In Ihren Projekten: Wie verhandeln Sie den Spannungsraum zwischen maximaler Zugänglichkeit und dem Schutz sensibler Landschaften und wo muss Architektur bewusst Grenzen setzen?
PPA: Dieser Spannungsraum lässt sich nur durch einen tiefen Respekt gegenüber der natürlichen Umgebung ausbalancieren sowie durch architektonische Strategien, die sich visuell wie konstruktiv mit ihr in Einklang bringen. Dazu gehört die Minimierung des Eingriffs durch sorgfältige Materialwahl, die Reduktion des CO₂-Fussabdrucks und der Einsatz möglichst schonender Bauweisen. Architektur muss bewusst Grenzen setzen, etwa durch die Begrenzung von Bauvolumen, die Steuerung von Besucherströmen durch räumliche Entscheidungen und den Verzicht auf Eingriffe in besonders fragile oder ökologisch wertvolle Bereiche, in denen das Gleichgewicht der Landschaft oder ihre visuelle Integrität gefährdet wäre.
Wie lassen sich technische Notwendigkeiten so gestalten, dass sie die Landschaft nicht dominieren, sondern in einen Dialog mit ihr treten?
PPA: Entscheidend ist, Typologie, ökologische Eigenschaften und die Farbigkeit des jeweiligen Kontextes mitzudenken und Lösungen zu entwickeln, die nicht dominieren, sondern die vorhandenen Elemente stärken. So kann ein wirkungsvoller Dialog zwischen gebauter Struktur und Landschaft entstehen. Bei den Valbione-Bergstationen haben wir bewusst auf gängige, harsche Materialien wie Polycarbonat verzichtet und stattdessen jede Station über eine eigenständige, leichte Holzdachstruktur definiert, deren Textur sich in den natürlichen Kontext einfügt. Durch diese materielle und formale Sensibilität sollen die Stationen die Wahrnehmung von Seilbahninfrastruktur verändern, weg vom technischen Fremdkörper hin zu einem Bestandteil der Landschaft, der sie ergänzt statt beeinträchtigt. Letztlich bleibt jedoch klar: Die Natur ist immer überlegen. Sie lässt sich nicht übertrumpfen und jeder Versuch in diese Richtung ist gescheitert.
Welche Verantwortung trägt Architektur heute im alpinen Raum?
PPA: Architektur im alpinen Raum muss vom Ort her gedacht werden, nicht als Eingriff, sondern als Weiterführung vorhandener Qualitäten. Das bedeutet eine sorgfältige Integration von Form, Massstab und Materialität, die sich aus der Landschaft heraus entwickelt. Gleichzeitig gilt es, die Umweltbelastung zu minimieren und zur sozialen sowie kulturellen Vitalität des Ortes beizutragen. In einer Zeit, in der umweltbewusstes Handeln dringlicher ist denn je, muss sich auch die Wahrnehmung von Architektur wandeln. Weg von der Vorstellung einer zerstörerischen Kraft hin zu einer verantwortungsvollen, integrierenden Disziplin. Gerade im alpinen Kontext ist es zudem wesentlich, Räume der Ruhe und Entschleunigung zu schaffen. Orte, die Distanz zur technisierten Gegenwart ermöglichen und sich mit dem Rhythmus der Natur synchronisieren. Die Erfahrung gleicht jener beim Betreten eines Rückzugsortes: ruhig, konzentriert, beinahe kontemplativ.
Wie entwickeln Sie eine Formensprache, die sowohl international verständlich als auch lokal gepägt ist?
PPA: Dafür braucht es ein tiefes Verständnis des lokalen Kontextes und der spezifischen Sprache alpiner Architektur. Entwurfsentscheidungen müssen mit dem «Dialekt» der jeweiligen Region resonieren. Jede alpine Landschaft bringt eigene Nuancen hervor, die jeden neuen Entwurf prägen, während gleichzeitig Bezüge zur übergeordneten Morphologie alpiner Baukultur bestehen bleiben. Global zu entwerfen bedeutet zugleich, mit zeitgenössischen Methoden und Identitäten vertraut zu sein. Erst im Gleichgewicht zwischen Tradition und Innovation – im Respekt vor dem lokalen Kontext und seiner Baukultur – lässt sich dieser Dialekt in eine universelle architektonische Sprache übersetzen. Ein Prozess, der sowohl historisches Bewusstsein als auch die Auseinandersetzung mit aktuellen architektonischen Diskursen voraussetzt. Im Projekt Valbione Mountain Stations reagiert jede Station auf ihre unmittelbare Umgebung, wodurch eigenständige Formen entstehen, die dennoch untereinander und mit dem alpinen Gesamtkontext in Beziehung stehen.
Welche Qualitäten muss ein Gebäude im Hochgebirge künftig besitzen, um relevant zu bleiben?
PPA: Am grundlegendsten lässt sich sagen: Es muss qualitativ hochwertig sein. Qualität bedeutet dabei Wertigkeit in jeder Hinsicht von der Konstruktion über die Funktionalität bis hin zum kulturellen Beitrag. Letztlich entscheidet jedoch die Gemeinschaft über Relevanz. Architektur bleibt immer an die Menschen gebunden. Räume, die Identität stiften und Kultur sowie Geschichte stärken, werden dauerhaft Bedeutung behalten. Zukünftige alpine Architektur muss darüber hinaus mit ihrer Umgebung verschmelzen und nachhaltige Technologien integrieren, um sowohl ökologisch als auch unter den extremen klimatischen Bedingungen des Hochgebirges Bestand zu haben.

