
Flexibel: Flavia Brändle, die seit 2022 in Zürich ihr eigenes Studio führt, interessiert sich für viele Aspekte von Design.
Flavia Brändles Atelier befindet sich im so genannten Supertanker im Zürcher Binz-Quartier. Sie teilt Büro und Werkstatt mit anderen Kreativen aus den Bereichen Design, Architektur, Grafikdesign, Kunst und Innenarchitektur. Der gemeinsame Aufenthaltsraum wird auch für Büropartys genutzt. Die Designerin machte sich 2022 selbstständig. Davor war sie für den Schweizer Brand «On» tätig. Nach einer ersten Ausbildung zur Vergolderin wollte sie ihren Horizont erweitern und studierte an der HGK Basel Industriedesign. Was sie an Design interessierte, waren die komplexen und vielfältigen Gestaltungsprozesse. Nach ihrem Abschluss im Jahr 2015 heuerte sie beim renommierten englischen Studio Barber Osgerby an und blieb vier Jahre dort. Die Zeit in London habe ihre Arbeitsweise geprägt, sagt Brändle. Bis heute hat sie regelmässig Kontakt mit Jay Osgerby. Eine ganz andere Form von Entwurfsprozess lernte sie später bei «On» kennen.

Gemeinschaft: Brändles Atelier befindet sich im Supertanker im Zürcher Binz-Quartier, wo viele Räume geteilt werden.
Du arbeitest immer wieder mit anderen Leuten zusammen. Wie entstehen diese Kollaborationen?
Flavia Brändle: Meistens ergeben sich diese über Freundschaften. Mit meinem Büropartner Fabio Rutishauser gibt es immer wieder Interessensüberschneidungen oder wir unterstützen uns gegenseitig bei Projekten. Eine intensive Zusammenarbeit verbindet mich mit Rio Kobayashi aus London. Rio ist Schreiner, Künstler und Designer. Wir haben mehrere Entwürfe zusammen gemacht, zum Beispiel eine modulare Leuchte, die im Rahmen einer Ausstellung während des London Design Festival entstand. Die Edition haben wir nun in einer grösseren Version für ein Interior-Design- Büro aus den USA weiterentwickelt. Mit der Designerin Kasia Kempa habe ich eine interaktive Kollektion für den öffentlichen Raum kreiert. Ich habe Kasia bei Barber Osgerby kennengelernt. Sie wohnt zurzeit wieder in Polen und wir arbeiten zusammen gerade an einem Biwak-Projekt.
Auch deine Recherche über Besen, die letztes Jahr zur Publikation «Im Besengebiet» führte, ist eine Zusammenarbeit. Kannst du zu diesem speziellen Projekt etwas erzählen?
FB: Die Goldschmiedin Margrit Linder (*1947) hat die letzten Besenbinderinnen in der Schweiz filmisch dokumentiert. 2015 habe ich die Abwaschbürste «Ybriger», die mit einer traditionellen Bindetechnik aus der Region Ybrig gefertigt wird, auf den Markt gebracht. Ich war im Rahmen meiner Bachelorarbeit auf einen solchen Halmbesen gestossen. Jemand schenkte Margrit einen «Ybriger»; so haben wir zusammengefunden. Sie machte dann auch über mich und meine Annäherung an dieses traditionelle Produkt einen Film. Aus dieser Begegnung entstand eine erweiterte Recherche, eine Ausstellung im Strohmuseum und schliesslich ein Buch.
«Mich interessiert beim Besen auch der Aspekt der lokalen Identität, die aus diesen Traditionen erwächst.»
Was interessiert dich an der kulturellen Praxis des Besenbindens? Es handelt sich ja durchaus auch um eine Form von Design, einfach ohne Autorschaft.
FB: Rein theoretisch müsste man den Besen nicht binden. Klar, das macht die Teile stabiler, aber es steckt ein gestalterischer Anspruch dahinter. Die Technik ist zugleich Ornament. Ich finde es faszinierend, dass ein so einfaches Alltagsprodukt, das man nach wenigen Monaten wegwirft, so sorgfältig und wertig gestaltet wird. Mich interessiert auch der Aspekt der lokalen Identität, die aus diesen Traditionen erwächst. Es gibt in der Schweiz so viel Schönheit, auch in den lokalen architektonischen Typologien.

Hands-on: Die Industriedesignerin Flavia Brändle lernte, Besen zu binden.

Nächste Schritte: Sie interessiert sich auch für die Verwendung von Stroh in der Architektur.
Du hast auch im städtischen Raum gearbeitet. Dieser ist stark durch Standardisierung geprägt. Wie kann man diesem Phänomen als Designerin entgegenwirken?
FB: Es ist nicht einfach, vor allem wegen der strengen Regelungen, die für den öffentlichen Raum gelten. Mit unseren Objekten wollten wir ungenutzte Brachen aktivieren. Es ging aber mehr um eine spielerische Interaktion als um reine Funktion. Viele der neuen Materialien sind wegen der herrschenden Normen nicht zugelassen. Das erschwert den Übergang zu mehr Nachhaltigkeit sowie das Erreichen der Klimaziele. Das Thema wird also schnell auch politisch. Design kann Möglichkeiten aufzeigen.
Dich beschäftigt gegenwärtig auch die Creative Direction der kleinen Schweizer Metallwarenfabrik «mesa». Wie kam es dazu?
FB: Die Geschichte dieses Unternehmens, das in den 1940er-Jahren gegründet wurde, ist interessant. Die Metallwarenfabrik Sarmenstorf, kurz «mesa», hat von Anfang an Möbel für Büros, öffentliche Gebäude und Werkstätten hergestellt, etwa Hocker und Stühle mit gebogenen Rundrohren. Ich fand die Firma und die charakteristischen Produkte schon immer toll. Nachdem die letzte Generation der Gründerfamilie die Fabrik vor ein paar Jahren verkauft hatte, beschlossen die neuen Besitzer, «mesa» weiterzuführen und den Bau zu renovieren. Dieses Jahr planen wir eine Neulancierung der Marke, unter anderem mit der Teilnahme an den «neuen Räumen». Diesen Prozess leite ich aus gestalterischer Perspektive.

Modular: «Furikake» ist eine moderne Version der japanischen Laterne (mit Rio Kobayashi).

Interaktiv: Für den öffentlichen Raum entwickelte Brändle eine Serie von Objekten.
Was sind weitere aktuelle Projekte?
FB: Ich entwerfe im Moment eine Outdoorkollektion für einen Brand und arbeite an einem Hotelprojekt in Zermatt.
Welche Aufgaben würden dich in Zukunft reizen? Hast du Wunschprojekte?
FB: Ich möchte das Thema Ressourcen, auf das ich im Kontext der Besen gestossen bin, vertiefen; also ausprobieren, wie sich das Riedgras auch in architektonische Strukturen wie Dächer integrieren liesse. Ich möchte einen ganzen Pavillon aus diesem Material entwerfen. Und ich würde gerne irgendwann einmal eine Gondel oder ein Tram gestalten. Ich suche bewusst die Vielfalt, auch bezüglich Massstäblichkeit. Vieles ergibt sich aus dem Austausch mit anderen Menschen.
Du unterrichtest auch an der HGK Basel. Was beobachtest du dabei?
FB: Die Bedürfnisse der Studierenden haben sich in den letzten zehn Jahren stark geändert. Ich musste mir als Dozentin eine Haltung aneignen. Diese Reflexion bringt mir auch für meine Arbeit als Designerin viel. Ich merke, wie wichtig Vorbilder sind.

