«Auf der Insel ist schlechte Laune verboten»

Münchner Stoff Frühling & Munich Design Days

Also es ist ja nun so: Der Münchner Stoff Frühling (MSF), des ist für mich a gmahde Wiesn. Das macht Spass, des is a Gaudi, die Showrooms der Textilhersteller putzen sich raus und zeigen sich stolz in ihrem feinsten Zwirn. Man tingelt durch die Stadt, wahlweise flanierend zu Fuss oder schweissfrei im Shuttle und schmökert sich im grossen oder kleinen Radius einmal um den Marienplatz. Herrlich entspannt und maximal unglamourös – denn nichts anderes erwarte ich von einer Messe. Statt bis zur Besinnungslosigkeit Neuheiten aufzusaugen, möchte ich die Menschen und Geschichten hinter den Produkten finden.

Die Geschichte: Klaus Winkler (l.), Winkler Medien Verlag und Malte Perlitz, Markenkultur, hatten die Idee zu den Munich Design Days. 2025 feierte das Format erfolgreiche Premiere, in diesem Jahr hat sich die Ausstellerzahl beinahe verdoppelt. 

Die Geschichte: Beim neuen Tisch von Draenert lässt sich das 2-teilige Untergestell individuell anordnen und auch bei der Tischplatte darf frei gewählt werden.

Die Geschichte: Jan Kurtz mags farbig und praktisch (und er joggt morgens gern eine Runde). Der Beistelltisch ist auch ein Regal. Und ein Hocker. Und eben ein Beistelltisch. Und Pink.

Die Geschichte: Wenn Regentropfen an dein Fenster klopfen, dann denke still bei dir: Diese Grüsse sind von mir. «Drops» von Sebastian Herkner für M2Rugs ist eine Hommage an die Regentropfen, dank derer die Nessel, die für den Teppich verwendet wird, wächst und gedeiht.

Die Geschichte: Es war einmal ein Kaiser namens Franz. Der wollte nix von der Sisi, viel lieber spielte er Fussball oder Golf oder fragte sich, ob denn heut schon Weihnachten sei. Der Kaiser war schon zu Lebzeiten eine Legende, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass sein Gesicht auf einem Teppich prangt. München ohne den Kaiser ist wie… nein, es ist einfach unvorstellbar.

Die Geschichte: Sibylle Aeberhard ist für Création Baumann in die Archive des Unternehmens abgetaucht, um mit «Hommage», der wunderschönen neuen Kollektion, wieder aufzutauchen.

Seit letztem Jahr bieten auch die Munich Design Days (MDD) ihre Tanzkarte an und im Doppelpack sind die beiden Veranstaltungen so unschlagbar wie der Meister Eder und sein Pumuckl, der Monaco Franze und sein Spatzl, die Weisswurst und der süsse Senf. Die MDD finden im Gegensatz zum Stoff Frühling, der stramm auf die 30 zugeht, erst zum zweiten Mal statt und es sei ja schon alles noch ein Abenteuer, so Co-Initiator Klaus Winkler (Winkler Medien Verlag) beim Auftakt auf der Praterinsel. Co-Initiator Malte Perlitz (Markenkultur) ergänzt: «Es geht bei diesem Format vor allem ums Zusammenkommen und die Freude am Austausch. Auf der Insel ist schlechte Laune verboten.»

Die Geschichte: Ein bisschen Frieden und ganz viel Liebe, in unzähligen Sprachen miteinander verwoben und von Jan Kath in Teppichform verewigt.  

Die Geschichte: Im Occhio Experience Centre führen diese Leuchten zum wichtigsten Raum des Gebäudes – dem WC. Poesie und Technik bilden ein ausdrucksstarkes Ensemble von Lichtkunst. 

Die Geschichte: Tricia Guild ist Herz und Hand von Designers Guild. Ein Platz am Präsentationstisch war schwer zu ergattern und weil die Konkurrenz stoffbegeisterter Damen mit ausgefahrenen Ellbogen gross war, habe ich mich aus gesundheitlichen Gründen für die zweite Reihe entschieden.

Die Geschichte: Man erzählt sich, dass Anders Thomas, CEO der Porzellanmanufaktur Nymphenburg stets mit einem Rhinozeros unterm Arm anzutreffen ist. Das wollte ich überprüfen. Und habe beide gefunden. Ausserdem eine Menagerie delikater Porzellantierchen, die sich auf einem grünen Moosbett tummeln. Pures Vergnügen und eines meiner Highlights.

Die Geschichte: Eigentlich wollte ich mich mit PR-Frau Catherine Ménard bei DCW éditions treffen. Leider habe ich sie verpasst, aber stattdessen die Liebe meines Lebens gefunden: «Lampe C» von Thierry Dreyfus. 

In Bayern, des is kloar, will man sich begegnen. Wozu ist eine Messe sonst da? «Wir sind ein kleines familiäres Format», so Malte Perlitz über die Munich Design Days, «fragen Sie einfach mal Ihr gegenüber: woher kommen Sie und was machen Sie hier?» Wer jetzt denkt, die Aufforderung zur Heiterkeit hätte bei den Besucher:innen zu Irritationen oder gar Unwillen geführt, der hat die Magie des Mia-san-mia unterschätzt. Und zwar masslos. Auch ich denke: Challenge accepted, drehe mich spontan um und frage den Menschen hinter mir: «Woher kommen Sie und was machen Sie hier?» Die Antwort: «Ich bin der Stefan von Designercarpets Drechsle und ich komme aus Lörrach.» Lörrach! Do legst di nieda! Da komme ich nämlich auch her. Zwei Sekunden später parlieren wir in vertrautem Alemannisch und Stefan erzählt mir von seinem Unternehmen, dass Tochter Annique nun in 3. Generation auch mit an Bord ist, und dass die MDD auch für ihn ein Abenteuer sind, «ein Versuch mal ein neues Format zu testen.» Leider muss ich dann auch schon weiter – der Dame mit dem Tablett frisch gebackener Waffeln folgen – aber Stefan versteht das, schnappt sich auch eine und wir verabreden uns nochmal für den nächsten Tag. Sozusagen ein richtiges erste Date mit ihm und Annique am Stand, nicht bloss so zwischen Tür und Waffel.

Weil Maltes «Anmachspruch» so gut funktioniert, und die zuckrige Waffel energietchnisch voll kickt, versuche ich es gleich ein zweites Mal. «Wer sind Sie und was machen Sie hier?» Dieses Mal ist es Marcel Müller von M2Rugs. Zugegeben, wir kennen uns schon, als Einstieg ins Gespräch funktioniert das trotzdem ganz wunderbar. Einer seiner Teppiche ist in Dubai hängen geblieben, aber immerhin der neue von Sebastian Herkner ist rechtzeitig angekommen. Marcel war schon bei der MDD-Premiere 2025 mit dabei und schätzt die Entspanntheit des Formats. Auch wir verabreden uns auf ein weiteres Date, allerdings erst im Juni in Kopenhagen bei den 3 days of design.

Die Geschichte: Spontane Entscheidungen können trotz durchgetakteter Terminpläne getroffen werden. Und so besuchte Archithema-Verlegerin Felicitas Storck das ClassiCon-Headquarter in München und konnte dabei einen Blick auf das neue Sofa werfen. Ist natürlich alles noch streng geheim, aber Spoiler Alert: Schnappatmung ist garantiert.

Die Geschichte: Ich halte es mit Malte Perlitz' Vorschlag, die Leute einfach mal anzusprechen und lerne Stefan und Annique Drechsle von Designercarpets Drechsle kennen. Ihren Stand teilen sie sich mit Zoom by Mobimex (neuer Tisch von Sebastian Herkner), das Alemannisch-Sprechen mit mir. 

Die Geschichte: Hannes Weibel von WeibelWeibel durfte ich für unser Spezialheft Schweizer Manufakturen interviewen, nun wollte ich auch seinen Bruder Lukas kennenlernen, der gemeinsam mit ihm das Unternehmen führt. Lukas Weibel war auch da, aber meine volle Aufmerksamkeit richtete sich auf den eleganten Lounger aus unfassbar weichem Leder. (Notiz an mich: Steuervorauszahlung lieber anderweitig investieren...)

Die Geschichte: Hm, hier muss ich ehrlicherweise passen. Ich war einfach nur neugierig, was Artemide so zu zeigen hatte und war überrascht, wie schnell sich eine Lichtinstallation in eine Influencer-Fotowand verwandeln kann.

Die Geschichte: Der Traum vom Freilufthimmelbett – ist er denn je ausgeträumt? Ich halte jedenfalls daran fest und zirkuliere so lange um «mein» Himmelbett bei Weishäupl, bis ich mal reinliegen darf. Heaven, I'm in heaven.

Egal, ob mit oder ohne Maltes Opener, die Menschen sind offen und gut gelaunt, haben Lust auf einen Austausch, ohne gleich den Rechenschieber auszupacken und zu kalkulieren, ob unterm Strich auch finanziell was von der Begegnung hängen bleibt. Wir sprechen über Trends, Technologien und ja, manchmal über Trump. Aber auch über

  • das Wetter (Hallöchen weissblauer Strahlehimmel, der sich am Nachmittag durchs Grau schiebt)
  • den Deutschen Popliteraturpreis (was ist das eigentlich, Popliteratur?)
  • die bayerische Küche (vegetarisch geht, aber keinesfalls vegan, denn Obatzda ist nicht verhandelbar)
  • Hunde (Fellwechsel, Sabberflecken – die ganze Palette)
  • Baby Schimmerlos und Kir Royal (was wäre München ohne sie)
  • Baby Schimmerlos und Designfails der 80er-Jahre (was wäre das Leben ohne sie)
  • Deutsche Bahn vs. SBB

Und so weiter und so fort. Es macht einfach einen Höllenspass hier unterwegs zu sein und neue Menschen, neue Möbel, Stoffe oder Stadtteile kennenzulernen. Deshalb ist es auch erlaubt, hier mit meinem all-time-favorite Bayernklischee zu enden: Bussi und Baba, schee woas!

 

stoff-fruehling.de

munichdesigndays.de