Kunstmessen können einschüchternd wirken. Grosse Namen, Preise, die selten ausgesprochen werden – und das Gefühl, man müsse ein Insider sein, bevor man überhaupt stehen bleiben darf. Doch eigentlich beginnt Kunst genau dort, wo man innehält, schaut und spürt.
Die BRAFA Art Fair in Brüssel zählt zu den traditionsreichsten Kunstmessen Europas. Lange bekannt für klassische Kunst und Antiquitäten, öffnet sie sich seit einigen Jahren zunehmend für zeitgenössische Positionen und Galerien, die Kunst als lebendigen Dialog verstehen. Einer dieser jüngeren Akteure ist Objects With Narratives – eine Galerie mit Standorten in Genf und Brüssel, die an der Schnittstelle von Kunst, Design und Handwerk arbeitet.
Was hier gezeigt wird, lässt sich nicht eindeutig einordnen. Ist es Kunst? Ist es Design? Vielleicht beides – oder etwas dazwischen. Im Gespräch mit Oskar Eryatmaz, Mitgründer von Objects With Narratives, geht es weniger um Marktmechanismen oder Trends als um Haltung: darum, warum Kunst gerade in einer digitalen, schnellen Welt an Bedeutung gewinnt, weshalb Messen Orte der Begegnung sein können und wie eine junge Galerie ihren eigenen Weg findet, ohne die Verbindung zu Handwerk, Künstler:innen und Publikum zu verlieren.
Es ist eure zweite Teilnahme an der BRAFA Art Fair. Wie hat sich euer Blick auf die Messe seit der ersten Ausgabe verändert – und fühlt sich diese Ausgabe anders an?
Oskar Eryatmaz: Ja, auf jeden Fall. Die erste Teilnahme ist immer stark davon geprägt, die Messeorganisation und das Publikum kennenzulernen. Beim ersten Mal waren wir sehr positiv überrascht. Mit der Zeit ist eine deutlich engere Beziehung zur Messe entstanden, und wir haben immer besser verstanden, wofür sie steht und welche Ziele sie verfolgt. Das deckt sich sehr stark mit dem, was wir tun, und mit unserer grundsätzlichen Haltung.
Die Messe wurde von Galerien gegründet und wird von Galerien getragen – genau das entspricht auch unserer Arbeitsweise. Wir arbeiten sehr eng mit unseren Künstler:innen und Designer:innen zusammen. Diese Philosophie, eine Messe aus der Perspektive einer Galerie zu denken und zu fragen, was eine Galerie wirklich braucht, passt perfekt zu unserer eigenen Arbeitsweise.
Meine beiden Mitgründer sind Designer und Architekten. Daraus ist auch die Haltung von Objects With Narratives entstanden: aus der Perspektive von Designer:innen und Künstler:innen zu überlegen, wie man Galerien richtig denkt. Genau diesen Ansatz verfolgt auch die Brafa. Ihre Initiativen und Werte stimmen sehr stark mit unseren überein – nicht nur auf kreativer Ebene, sondern auch im Hinblick darauf, wie man heute verantwortungsvoll arbeitet und wirtschaftet.
Über das letzte Jahr hinweg war das eine sehr schöne Entwicklung. Am Anfang tastet man sich heran, testet den Rahmen, und mit der Zeit wird der Austausch immer intensiver. Dass die Messe uns aktuell so stark unterstützt und in verschiedene Initiativen einbindet, ist wirklich aussergewöhnlich. Für eine so grosse Messe ist es fast surreal, eine junge Galerie wie uns derart zu fördern.

Gezeigt in ihrem permanenten Showroom «The Loft» in Brüssel – einem ehemaligen Industrie- und Arbeitsraum, der heute als Ausstellungsort genutzt wird – setzt Objects With Narratives ihre Arbeiten bewusst in Beziehung zur Architektur. Der rohe, funktionale Charakter des Raums bildet einen ruhigen Gegenpol zur Materialität der Objekte und unterstreicht ihr Verständnis von Design als räumliche Erfahrung.
Die BRAFA ist traditionell auch für klassische Kunst und Antiquitäten bekannt. Wo seht ihr euch in diesem Kontext – oder würdest du sagen, dass sich die Messe zunehmend öffnet und verändert?
OE: Ich glaube nicht, dass wir unbedingt den klassischen Bereich abdecken. Was die BRAFA aber sehr konsequent macht, ist, aus der Perspektive der Galerien zu denken und sich immer wieder zu fragen: Wie können wir die Messe für Besucher:innen so interessant wie möglich gestalten? Das ist letztlich das zentrale Ziel einer Messe – ein starkes Publikum anzuziehen, was wiederum gute Galerien anzieht und die Messe insgesamt stärkt.
Man sieht, dass die BRAFA kontinuierlich innoviert. Dieses Jahr kommen rund 20 neue Galerien dazu. Sie haben keine Angst davor, Dinge zu tun, die sie zuvor noch nicht gemacht haben. Letztes Jahr haben wir von Besucher:innen immer wieder gehört: «Es ist so schön, hier etwas Neues zu sehen – das habe ich auf der Brafa noch nicht gesehen.»
Auch im Laufe des Jahres kamen Menschen in unsere Galerie zurück und haben genau das bestätigt. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass die BRAFA Galerien vertraut, die zuvor noch nicht Teil der Messe waren, und ihnen bewusst eine Plattform bietet, weil sie überzeugt ist, dass diese Positionen für die Messe und für das Publikum relevant sind. Es geht also weniger darum, einer Tradition zu entsprechen, sondern vielmehr darum, eine Messe zu sein, die sich weiterentwickelt, sich neu erfindet und ihre Grenzen verschiebt. Genau das macht sie für uns so spannend.
Kannst du uns mehr über eure Zusammenarbeit mit Ben Storms erzählen und darüber, was ihr auf der Messe zeigen werdet?
OE: Ben Storms ist im zeitgenössischen Bereich von Kunst und Design – wir sprechen oft von Collectible Design oder funktionaler Kunst – einer der bekannteren Namen in Belgien. Wir bewegen uns in einer sehr kleinen Nische: Ist es Kunst, ist es Design? Wir nennen das, was wir tun, gerne «Antiquitäten der Zukunft». Die Idee ist, dass man eines Tages auf diese Werke zurückblickt und sagt: Das ist typisch für diese Zeit.
Ben ist ein aussergewöhnlicher Handwerker, und genau das schätzen wir sehr. Unser gesamtes Programm ist stark von handwerklicher Qualität geprägt – Künstler:innen, die ihre Werke selbst herstellen. Ben ist dafür ein perfektes Beispiel. Seine Arbeit ist ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess: Techniken werden verfeinert, neue Verfahren entdeckt und in neue Arbeiten und Ausdrucksformen übersetzt.
Nach elf oder zwölf Jahren Praxis fühlt sich eine Einzelausstellung eines belgischen Künstlers, der aktuell sehr präsent im Markt ist, auf einer Messe wie der BRAFA wie eine ideale Konstellation an. Es wird neue Arbeiten geben, aber auch Werke, die sofort als Ben Storms erkennbar sind – insbesondere seine kissenförmigen Skulpturen aus Metall, Stein oder Glas.

Blick in einen der Ausstellungsräume der Galerie in Brüssel mit der grossformatigen Marmorkissen-Skulptur von Ben Storms sowie dem vergoldeten Raumteiler im rechten Bildbereich.
Kannst du etwas zu eurem Stand sagen?
OE: Wir werden mit einem Doppelstand vertreten sein, also mit zwei nebeneinanderliegenden Ständen. Das gibt ausreichend Raum für diese grossen und schweren Arbeiten, von denen einige bis zu 800 Kilo wiegen. Der Raum erlaubt es Ben, mit Massstab und Präsenz zu arbeiten. Es ist eine echte Zusammenarbeit zwischen ihm als Künstler und uns als Galerie – auch geprägt durch die architektonische Perspektive meiner beiden Mitgründer. Eine sehr starke Partnerschaft.
Warum sind Kunstmessen heute deiner Meinung nach immer noch – oder vielleicht gerade jetzt – so wichtig?
OE: In einer Zeit, in der es unglaublich viele Informationen gibt und alles sehr schnell passiert – vor allem online –, bietet eine Messe die Möglichkeit, wirklich zu entschleunigen und sich bewusst mit Kunst und Design auseinanderzusetzen. Man nimmt sich Zeit, konzentriert sich auf einzelne Werke und auf die Menschen dahinter.
Ben wird zum Beispiel selbst auf der Messe anwesend sein. Besucher:innen können direkt mit dem Künstler und den Galerist:innen sprechen, statt nur durch Instagram zu scrollen. Jedes Kunstwerk kann visuell ansprechend sein, aber dahinter steckt immer mehr: eine Geschichte, ein Prozess, ein Grund, warum es genau so entstanden ist.
Deshalb sind Messen gerade heute so wichtig. Menschen suchen zunehmend nach etwas Echtem, nach etwas Haptischem – im Gegensatz zu schnellen, austauschbaren Inhalten. Wir beobachten auch, dass viele Galerien sich stärker auf Messen konzentrieren und weniger auf permanente Räume, weil Messen ideale Orte sind, um neue Begegnungen zu schaffen und Beziehungen aufzubauen.

Objects With Narratives wurde von den Brüdern Nik (31) und Robbe (28) Vandewyngaerde sowie Oskar (32) Eryatmaz mit Standorten in Genf und Brüssel gegründet.
Glaubst du, dass Kunst heute an Bedeutung gewinnt, weil unser Leben immer schneller und digitaler wird?OE: Hundertprozentig. Wir sprechen viel mit unseren Kund:innen und holen aktiv Feedback ein. Angesichts der politischen, wirtschaftlichen und digitalen Entwicklungen sehnen sich viele Menschen nach etwas, das sich real anfühlt.
Diese Entwicklung zeigt sich besonders stark im Bereich von Erlebnissen – nicht nur in unserem Feld, sondern auch etwa in der Hotellerie. Die Unternehmen und Institutionen, die erfolgreich sind, sind jene, die Erlebnisse schaffen. Es geht nicht nur um Verkauf, sondern darum, wie sich etwas anfühlt.
Auf einer Messe spielt alles eine Rolle: der Boden, die Wände, die Objekte, die Atmosphäre. Dieser Moment, dieses Gefühl, ist es, was Menschen schätzen. Ich glaube nicht nur, dass das so ist – ich weiss, dass es eine direkte Reaktion auf schnellen Konsum und beschleunigte Medien ist.
Du und deine beiden Partner seid noch sehr jung für die Kunstbranche. Kannst du etwas über euren Hintergrund erzählen und darüber, wie Objects With Narratives entstanden ist?
OE: Keiner von uns kommt ursprünglich aus der Kunstwelt – weder wir selbst noch unsere Familien oder unser Umfeld. Objects With Narratives ist aus einer reinen Leidenschaft heraus entstanden.
Meine beiden Mitgründer, Nik und Robbe, sind Brüder und Architekten. Sie haben in grossen Architekturbüros in Basel und Rotterdam gearbeitet. Viele dieser Projekte dauerten Jahre und blieben oft im konzeptionellen Stadium. Der Wunsch, etwas Greifbares zu schaffen, etwas, das man wirklich in den Händen hält, wurde immer grösser.
Ich bin seit meiner Kindheit mit Nik befreundet – wir haben zusammen Basketball gespielt – und habe zunächst auf der kaufmännischen und organisatorischen Seite unterstützt. Durch ihn wuchs mein Interesse an Architektur und Design stetig.
Wir hatten alle ähnliche Erfahrungen mit Galerien gemacht, und das Feedback war oft nicht besonders positiv. Also beschlossen wir, diese Erfahrungen als Ausgangspunkt zu nutzen und es anders – und hoffentlich besser – zu machen. Der Ansatz war sehr naiv und idealistisch, hat aber funktioniert. Künstler:innen haben uns eine Chance gegeben, weil sie an die Philosophie geglaubt haben, und daraus entstand eine Art Schneeballeffekt.
Ich komme aus dem Finanzbereich und kümmere mich vor allem um die geschäftliche Seite und um grössere Kund:innen. Robbe ist rein kreativ und verantwortet Szenografie und Materialität. Nik bewegt sich zwischen beiden Welten – kreativ, aber auch sehr pragmatisch als Architekt und Ingenieur. Diese Kombination funktioniert für uns sehr gut. Wir gehen diesen Weg mit viel Freude und hoffen, dass wir ihn noch lange weitergehen können.
Die BRAFA Art Fair findet dieses Jahr vom 25. Januar bis 1. Februar 2026 in der Brussels Expo statt.

