Man betrat den Basel Social Club in diesem Juni nicht durch einen Eingang, sondern durch eine Zumutung. Der Zugang führte über die Tiefgarage und den Lieferanteneingang, vorbei an Betonpfeilern und wer hineinwollte, war kaum drin schon Teil des Personals. An der Aussenwand prangte in grossen weissen Lettern die Frage «Shouldn't you be working?», direkt über einer Terrasse, auf der man bei Drinks zusammensass. Schärfer liess sich der Geist des Ortes kaum fassen: Die Arbeit ruft, doch hier wurde geredet, getrunken, geschaut.
Die fünfte Ausgabe des Formats, das während der Art Basel an einem neuen Ort auftaucht, trug den Titel «The Office». Schauplatz war das ehemalige Ausbildungszentrum an der Viaduktstrasse 33, ein leerstehendes Bürogebäude des renommierten Basler Architekturbüros Diener & Diener. Der Bau, zwischen 1985 und 1994 für den Schweizerischen Bankverein errichtet, der später in der UBS wechselte, ist eine imposante Blockbebauung mit fünf Geschossen und rund 56'000 Quadratmetern Fläche. Dass ausgerechnet dieser Bildungsapparat des Finanzplatzes zur Bühne wurde, verlieht der Schau ihre tiefste Ironie.
Vom Geheimtipp zur Parallelmesse
Gegründet 2022 als unabhängiger und auch kostenloser Gegenentwurf zur Art Basel, ist der Basel Social Club längst kein Geheimtipp mehr. Inzwischen steht er als eigene Parallelmesse neben den Satellitenformaten Liste und Volta, hebt sich aber bewusst ab: Wo diese immer noch nach dem Prinzip von Ständen folgen und tagsüber abgeschritten werden, lebte der Social Club von den Abend- und Nachtstunden, von Essen, Drinks und einer Geselligkeit, neben dem Ausstellen der Kunst. Die bisherigen Schauplätze, eine Privatvilla, eine Mayonnaise-Fabrik, fünfzig Hektar Ackerland, zuletzt ein Vontobel-Gebäude, lesen sich wie eine kleine Soziologie des Schweizer Raums.
Keine Ausgabe war so gross wie diese. Der Berliner «Freitag» sprach von einem «irre grossen» Bürogebäude, der Partner USM bezifferte die Schau auf über 150 Galerien und Institutionen, verteilt über sämtliche Stockwerke vom Parkhaus aufwärts, und Leiterin Hannah Weinberger koordinierte rund 1500 Beteiligte.
Doch die Dimension war nicht bloss Spektakel. Erst der Massstab eines echten, leeren Corporate-Baus machte die Auseinandersetzung mit Arbeit und Leere physisch erfahrbar. Das Programm entfaltete sich über die gestapelten Geschosse, von der Spiralrampe im vierten Untergeschoss bis hinauf in die Büroetagen, wobei die Raumschichten bewusst die Idee des «Untergrunds» spiegelten, als Ort kulturellen Widerstands und als Metapher für die verborgenen Strukturen des Kapitalismus.
Der Designklassiker als Mitspieler
Für ein design- und kunstaffine Publikum lag die Pointe des Settings im Möbel. Mit USM Haller traf die Kunstszene auf einen Klassiker des modernen Bürodesigns, der hier zugleich Partner der Ausgabe war. Dessen Grundgedanke, dass ein Arbeitsumfeld kein fertiger Zustand ist, sondern ein sich ständig verändernder Raum, fügte sich nahtlos ins Thema.
Das Spannende daran: Die Marke stand nicht als Antwort im Raum, sondern als Referenzpunkt mit ihren ikonischen, teilweise auch umgenutzten Möbeln. Die Elemente zeigten sich von ungewohnter Seite, als mobile Caddies, als skulpturale Sitzlandschaft, als elegantes Gerüst für das Fine-Dining. Eine kluge Volte, dass ausgerechnet ein Ausstatter des Büros zum Mitspieler seiner eigenen Dekonstruktion wurde.
In den ehemaligen Büros arbeitete sich fast alles an der Ikonografie des Büros ab, nach einem Prinzip, das man Verfremdung des Vertrauten nennen könnte. Ein Wandkalender erschien als stoffbespannte Cyanotypie im Blaupausen-Blau, mit Rubriken wie «Today's Schedule» und «Exercise», deren Ränder ausfransten, als löse sich die Selbstoptimierung in ihre Fäden auf.
Ein Wasserspender wurde zum Triptychon der Erschöpfung. Eine umgebaute Bar mit drei Tanks namens «Blood», «Sweat» und «Tears». Kehrschaufel und Besen waren zum knallroten Stöckelschuh verbacken, eine Schaufensterpuppe im glänzenden Body war halb vom Bürostuhl gerutscht, und in einem leeren Grossraumbüro flutete ein See aus violetten Folien-Buchstaben-Ballons über den Teppich. Lauter zu Boden gegangener Bürotext, Sprache, die ihre Form und auch Existenzberechtigung verloren hatten.
Nostalgie für ein Büro, das gerade verschwindet
Das Büro, dem die Schau nachspürte, war das von gestern, mit Faxgerät, Wasserspender und Kopierapparat, mit seinen Ritualen, den Gesprächen während den Zigarettenpausen. Aber wer raucht noch oder schickt einen Fax? Wir wissen längst, dass es das Büro in dieser Form bald und eben auch definitiv nicht mehr geben wird; Homeoffice, Plattformarbeit und Künstliche Intelligenz lösen jene Choreografie aus Anwesenheit und Routine gerade auf. Die Werke lachten über die Bürowelt und trauerten ihr zugleich nach. Zukunft und Nostalgie treffen sich ein letztes Mal.
Eine zentrale Rolle spielte die einstige Tiefgarage. Hier wurde eine Strasse zur Bühne, auf der bei Shows Autos driften sollten, zwischen Oldtimern, darunter ein gelber Monteverdi mit einem Banner des Modelabels Ottolinger. Hier lag auch der «Club Garage» mit einem Nachtprogramm. Erstmals zog zudem die Kunstbuch-Plattform I Never Read ein, eine «Out of Office»-Zone bot Raum für Rückzug, und die Gastronomie reichte vom Fine-Dining bis zu zugänglichen, lokal entwickelten Angeboten. Das ganze Haus blieb durchgehend bespielt, täglich von 16 bis 3 Uhr, aktiviert von mehr als 150 Performern. Genau hier lag der Unterschied zu Liste und Volta: Man kam selten allein wegen der Kunst und blieb zum Essen, zum Drink, zum Gespräch, zum Tanzen.
Was den Basel Social Club 2026 so präzise machte, war die Übereinstimmung von Form und Inhalt: eine künstlerische Zukunftsstudie über Arbeit im Zeitalter von KI, die ihre Fragen nicht erklärte, sondern begehbar machte. Man verliess das Gebäude über eine Kantine, die mit dem hippen Basler Food-Label Astro Fries bespielt wurde, nun aber mit dem Gefühl, eine Schicht hinter sich zu haben. Der Feierabend, den dieses Format inszenierte, war vielleicht der ehrlichste Kommentar zur Gegenwart der Arbeit: einer, der nie ganz endet.
Art Basel: Die Mutter aller Messen
Der Basel Social Club ist ein Satellit. Sein Zentrum ist die Art Basel, die vom 18. bis 21. Juni 2026 in der Messe Basel stattfand, mit den Preview-Tagen am 16. und 17. Juni. Gegründet 1970 von den Baslern Ernst Beyeler, Trudi Bruckner und Balz Hilt, ist sie die älteste und einflussreichste Kunstmesse der Welt, Mutter der späteren Ableger in Miami Beach, Hongkong, Paris und Qatar. Unter der Leitung von Maike Cruse versammelte die diesjährige Ausgabe 290 Galerien aus 43 Ländern und zog rund 90000 Besucherinnen und Besucher aus 103 Ländern an.
Die wichtigste Neuerung hiess Basel Exclusive: Teilnehmende Galerien verpflichteten sich, zentrale Werke erst zur Preview-Eröffnung zu zeigen, ohne vorherige Online-Vorschauen oder stille Vorverkäufe. In einer Zeit, in der Kunst oft auf Instagram zirkuliert, bevor sie überhaupt in der Transportkiste liegt, ist das eine Rückbesinnung auf die physische Begegnung mit dem Werk. Der Sektor Unlimited, erstmals von Ruba Katrib (MoMA PS1) kuratiert, brachte 59 grossformatige Projekte zusammen. Der Parcours von Stefanie Hessler kreiste passenderweise um den Begriff der «conviviality», des Zusammenlebens, und entlang der Clarastrasse waren zwei neue Auftragswerke der Art-Basel-Awards-Gewinner Nairy Baghramian und Ibrahim Mahama zu sehen.
Dass hier zugleich der Weltmarkt verhandelt wird, zeigten die Spitzenverkäufe. Hauser & Wirth veräusserte ein Gemälde von Pablo Picasso, «Le peintre et son modèle dans un paysage» von 1963, das zu rund 35 Millionen Dollar angeboten war, sowie ein abstraktes Bild von Gerhard Richter für 20 Millionen. Gagosian verkaufte in der ersten Messestunde einen de Kooning im hohen siebenstelligen Bereich an eine asiatische Privatsammlung.
