
Das von SENN gebaute Bürogebäude «Hortus» in Allschwil ist bereits komplett vermietet, Platz gibt es einzig noch im Coworking-Space.
Gerade dieser Sommer – ich habe inzwischen aufgehört zu zählen, in der wievielten Hitzewelle wir uns befinden – hat wieder eindrücklich gezeigt, wie schlecht unsere Gebäude für langanhaltende, extreme Hitzeperioden gerüstet sind. Die Glücklichen unter uns verbringen ihren Alltag im klimatisierten Büro; für den Rest bleibt das tägliche Schwitzen vor dem Bildschirm nach einer unruhigen Nacht im überhitzten Schlafzimmer, in der man vergeblich auf eine kühle Brise durch das weit geöffnete Fenster hoffte.
Doch es geht auch anders. Das hat die Immobiliengesellschaft SENN aus St. Gallen mit dem Gebäude «Hortus» auf dem Campus des Switzerland Innovation Park Basel Area in Allschwil bewiesen, das sie gemeinsam mit Herzog & de Meuron und ZPF Ingenieure geplant und realisiert hat. Dieses Bürogebäude zeigt, was es architektonisch braucht, damit auch an Hitzetagen angenehme Temperaturen im Gebäudeinnern herrschen: angepasste und optimierte Fenster, ein aussenliegender und automatisierter Sonnenschutz, bauliche Verschattungselemente sowie feuchtespeichernde Materialien. Massnahmen im Aussenraum wie ein begrünter Innenhof tragen dazu bei, ein angenehmes Mikroklima zu schaffen und dem Hitzeinsel-Effekt entgegenzuwirken.
Dieses Leuchtturmprojekt ist bei weitem nicht das erste in der Geschichte von SENN. Geschäftsführer Johannes Eisenhut erzählt, wo die Reise des Unternehmens zum klimagerechten Bauen begann, mit welchen Herausforderungen und Risiken das Brechen gängiger Bau-Normen verbunden ist und weshalb zeitgemässe Architektur weit über den heutigen Standard hinausdenken muss.

Auch das Hauptgebäude «Main Campus»...

... sowie das Büro- und Laborgebäude «ALL» auf dem Areal des Switzerland Innovation Park Basel Area wurden von SENN nach zukunftsfähigen und nachhaltigen Kriterien entwickelt
SENN setzt sich schon seit Längerem mit klimagerechtem Bauen auseinander. Gab es für Sie eine Art Aha-Erlebnis oder einen prägenden Moment, der diesen Weg ins Rollen gebracht hat?
Johannes Eisenhut: Unsere Reise in Sachen Nachhaltigkeit begann in den 2000er Jahren mit der Entwicklung des «Noerd» in Zürich für FREITAG – eine Firma, bei der der Kreislaufgedanke zur DNA gehört. Für sie bauten wir ein Gewerbehaus mit grossem Dachgarten, der das Regenwasser wiederverwendet. 2017 begannen wir zusammen mit der Stadt Zürich, das Koch-Quartier zu entwickeln. Dort beschäftigten wir uns zum ersten Mal mit stadtklimatischen Fragestellungen wie Hitzeinseln, Kaltluftkorridoren oder dem Konzept der Schwammstadt. Bei der Entwicklung des «Hortus» in Allschwil ab 2020 wollten wir ein radikal nachhaltiges Gebäude schaffen. Dabei merkten wir, dass der Begriff «klimagerecht» zwei Aspekte vereint: Einerseits soll ein Gebäude möglichst wenig zur Klima- und Biodiversitätskrise beitragen und den Ort für Mensch und Natur besser hinterlassen. Andererseits soll es angesichts des sich verändernden Klimas für die Nutzenden ein behagliches, lebenswertes und produktives Umfeld schaffen. Es kamen bei «Hortus» also viele Themen zusammen, man kann durchaus von einem Aha-Erlebnis reden. In unserem aktuellsten Projekt mit Herzog & de Meuron, dem Gebäude «Hot Dog» auf dem Dreispitz-Areal in Basel, haben wir die Latte in Sachen Klimaresilienz noch höher gelegt: Wir entwickeln ein Haus, das auf nachhaltige Art auch bei 40 °C Aussentemperatur – 8 Grad mehr als die aktuelle Norm – noch ein angenehmes Raumklima von 24 °C bietet. Wir suchen immer nach dem nächsten Schritt, den es sich zu gehen lohnt.
Warum hinkt die Schweizer Immobilienbranche beim sommerlichen Wärmeschutz im Vergleich zum winterlichen Kälteschutz noch immer so stark hinterher?
JE: Die Schweiz ist ein alpines Land. Über Jahrhunderte haben wir uns vor allem damit beschäftigt, den Winter gut zu überstehen – entsprechend standen Fragen wie Heizen und Dämmen (gegen Kälte) im Zentrum. Mit der Verbesserung von Dämmungen und der Einführung von Erdsonden und Wärmepumpen nahm der Heizungs-Diskurs in den letzten Jahren eine Wende; Häuser lassen sich heute im Winter mit wenig Energie behaglich halten. Nun rückt der Sommer als neue Herausforderung ins Bild: Taugt die gewählte Dämmung auch als Hitzeschutz? Was ist mit grossen Fenstern oder Terrassen nach Süden? Wie wollen wir Räume kühl halten – setzen wir auf Klimaanlagen wie in den USA und Asien, oder suchen wir nach intelligenteren und nachhaltigeren Lösungen? Dabei kommen Materialität, Architektur, profilierte Fassaden, Sonnenschutz und ressourcenschonende Technologien wie Erdsonden, Adiabatik und Photovoltaik ins Spiel.
Sie haben bereits einige Erfahrung in der Realisierung von klimagerechten Bauten – was sind Ihrer Meinung nach derzeit die grössten Herausforderungen dabei?
JE: Zunächst ist das Wichtigste, eine Vorstellung davon zu haben, was wünschbar und was erreichbar ist. Das Bauwesen ist von Normen und Standards geprägt. Einen Schritt weiterzugehen, ist immer ein Risiko – finanziell, gewährleistungstechnisch, usw. Wer zu grosse Schritte machen will, kann auf die Nase fallen. Aber auch eine passive Haltung birgt Risiken: Nutzende und Investierende möchten Teil von Bauten sein, die nachhaltige Zukunftsperspektiven bieten. Die Herausforderung besteht darin, ein Produkt zu entwickeln, das unter den verschiedensten Blickwinkeln standhält. Das bedingt eine gewisse Zähigkeit und eine sportliche Einstellung gegenüber Komplexität.
«Auch eine passive Haltung birgt Risiken: Nutzende und Investierende möchten Teil von Bauten sein, die nachhaltige Zukunftsperspektiven bieten.»
Ist nachhaltiges und klimagerechtes Bauen tatsächlich teurer?
JE: Was nicht dem Standard entspricht, ist meistens teurer. Wir müssen wie gesagt sicherstellen, dass übertriebene Ambitionen nicht dazu führen, dass ein Produkt unwirtschaftlich wird. Das ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Was funktioniert, ist, wenn ein Produkt, das Mehrwerte bietet, auch etwas mehr kostet – weil es vielleicht besser durchdacht, besser designt, besser materialisiert oder langfristiger ausgelegt ist oder Innovationen verkörpert.

Für «Hortus» wurden besondere Bauteile entwickelt, wie beispielsweise die Holz-Lehm-Decken- und Wandelemente.

Diese wurden auf der Baustelle in einer Feldfabrik gestampft, vorfabriziert und dann am Gebäude angebracht.
Was macht eine wirklich «zeitgemässe» Klimaarchitektur aus – insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten weiter verändern wird? Wie langfristig denken Sie dabei?
JE: Generell müssen wir den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes im Blick haben. Auf Papier sind das 60 bis 100 Jahre. Gerne würden wir weiter schauen. Dem gegenüber steht die Geschwindigkeit der Entwicklungen – gesellschaftlich, technologisch und klimatisch. Da bleibt uns vor allem eines: Möglichst vorhaltig und möglichst nutzungsflexibel zu planen. Mit vorhaltig meinen wir eine informierte Hypothese darüber, was in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren nachhaltig sein dürfte. Für alles Weitere versuchen wir unsere Bauten möglichst flexibel zu denken: nutzungsflexibel, indem wir verschiedene Layouts für unterschiedliche Nutzende, Branchen, Funktionen testen, aber auch anpassbar – etwa durch Systemtrennung und Rückbaubarkeit.
Wie viel Einfluss haben Sie als Immobilienentwicklerin auf die Art, wie gebaut wird? Was geht primär von Ihnen aus und wo setzen das Architekturbüro oder andere Beteiligte die Impulse?
JE: Impulse dürfen und müssen alle Beteiligten setzen. Entwickeln und bauen ist ein höchst arbeitsteiliger Prozess und jede Fachperson, jedes Gewerk muss im Ringen um die beste Lösung einen Beitrag leisten, damit Gutes gelingt. In unseren Projekten diskutieren wir auf Augenhöhe. Letztlich trägt die Verantwortung jedoch der die Bauherrschaft, also wir. Wir müssen die Bestellung so formulieren und den Prozess so führen, dass das Beste entstehen kann.
Mit HORTUS haben Sie ein radikal nachhaltiges Bürogebäude realisiert. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus diesem Projekt gewonnen haben?
JE: Am Anfang des «Hortus» stand eine eindeutige Bestellung: Die Begriffe «radikal nachhaltiges Bürogebäude» wurden klar mit Zahlen definiert und wörtlich in den Projektvorgaben eingeschrieben. Sie wurden zum roten Faden, der uns durch die gesamte Entwicklung leitete. «Radikal nachhaltig» umfasst dabei nicht nur die Ökologie an sich, sondern auch den Menschen, die Wirtschaftlichkeit, das Design. So entstand «Hortus» in einem weitgehend hierarchiefreien Think-Tank, in dem jede Person die Verantwortung hatte, in ihrem Spezialgebiet funktionale Ansätze zu entwickeln. Das Haus ist nun gebaut, wird von seinen Nutzenden und dem Umfeld bestens angenommen und ist wirtschaftlich erfolgreich – es ist vollvermietet und konnte erfolgreich einem institutionellen Immobilieninvestor verkauft werden. Das Produkt hat funktioniert.
«Für uns ist jeder Ort, jeder Kontext eine neue Herausforderung. So starten wir auf eine gewisse Weise immer wieder neu.»
Gibt es Dinge, die Sie bei zukünftigen Projekten anders angehen würden?
JE: Wir waren mit unseren letzten Projekten recht erfolgreich, insofern gibt es wenig Ressentiments oder rote Tücher. Natürlich lernen wir dazu und haben immer Listen von Dingen, die wir nächstes Mal noch besser machen wollen. Dennoch beginnen wir bei jedem Projekt wieder etwas anders, aus Liebe zum jeweiligen Ort. Andere bezeichnen es vielleicht als eine kleine Schwäche und fragen uns, warum wir z. B. «Hortus» nicht einfach replizieren. Aber für uns ist jeder Ort, jeder Kontext eine neue Herausforderung. So starten wir auf eine gewisse Weise immer wieder neu.

Beim Bau des «Hortus» wurde bewusst auf eine Unterkellerung verzichtet, um die verbaute Energie zu minimieren.