
Die kupferverkleidete Kuppel von «La Source Vive» und das beleuchtete Foyer am Waldrand: Der neue Kammermusiksaal in Évian-les-Bains wurde im Juni 2026 eröffnet.
Immer wieder zog es Kunstschaffende nach Évian-les-Bains am französischen Ufer des Genfersees. Als bedeutender Kurort mit Grandhotels wie dem Royal und dem Ermitage erlebte die Stadt im frühen 20. Jahrhundert ihre Blüte. Besonders zwischen den Weltkriegen wurde die Uferregion zum Rückzugsort für Künstler und Intellektuelle wie Maurice Ravel, Marcel Proust, Rainer Maria Rilke und Charlie Chaplin. An diese kulturelle Geschichte knüpfte Antoine Riboud 1976 an: Mit dem Festival «Jeunes Musiciens sans Frontières» begründete er eine musikalische Tradition, die – mit Unterbrechungen – bis heute fortgeführt wird. Dafür gab er den Konzertsaal «La Grange au Lac» in Auftrag – einen von Patrick Bouchain entworfenen Bau aus Kiefer und Rotzeder, der 1993 eröffnet wurde. Als Musikmäzenin Aline Foriel-Destezet den Saal 2017 entdeckte, war sie von seiner Architektur und Geschichte fasziniert. Aus dieser Begeisterung und ihrem Wunsch, einen Ort für musikalischen Austausch und Inspiration zu schaffen, entstand die Idee für «La Source Vive» – einen neuen Kammermusiksaal, der «La Grange au Lac» ergänzen soll. Zusammen heisst das neue Gebäudeensemble «Les Mélèzes».

Ein schmaler Weg führt zwischen dem kupferverkleideten Konzertsaal und dem verglasten Foyer hindurch. Die versetzte Anordnung der Baukörper schafft eine Abfolge von geschützten Aussenräumen und lichtdurchfluteten Übergängen.

Hinter der dunklen Kupferfassade öffnet sich der Blick in den Saal: Die helle Putzoberfläche und die warmen Farbtöne der Sitzreihen bilden einen bewussten Kontrast zum schattigen Wald.
Die Architektur von «La Source Vive» steht in einem bewussten Kontrast zum bereits bestehenden Bau der «La Grange au Lac». Während Patrick Bouchains leichte Holzkonstruktion von der Welt des reisenden Bühnenbetriebs inspiriert ist und für grössere Orchester konzipiert wurde, ist «La Source Vive» stärker in den Hang eingebettet und von mineralischen Materialien geprägt. Mit 490 Plätzen dient sie als Kammermusiksaal, bietet aber auch Raum für Proben, künstlerische Arbeit und Aufnahmen. Realisiert wurde das Projekt von PCA-STREAM unter der Leitung von Philippe Chiambaretta, in enger Zusammenarbeit mit Patrick Bouchain als künstlerischem Leiter.

Im Zentrum des Gebäudeensembles liegt der rund geformte Kammermusiksaal «La Source Vive», links davon der längliche Konzertsaal «La Grange au Lac». Das gemeinsame Foyer dient dem Publikum beider Säle; die Garderoben für die Mitwirkenden befinden sich separat entlang der bestehenden Zufahrtsstrasse zum Hôtel Ermitage.
Klang in Schichten
Zentral für den Entwurf von «La Source Vive» war die Akustik. Dafür arbeitete das Team von PCA-STREAM eng mit dem Akustiker Albert Xu zusammen. Doch wie plant man überhaupt ein so schwer fassbares Phänomen wie die Akustik eines noch nicht bestehenden Raums? Wie wir Klang wahrnehmen, hängt vom Zusammenspiel des Direktschalls mit den Reflexionen ab, die von Wänden, Decke und anderen Oberflächen zurückgeworfen werden. Die Form und die Materialien eines Raums bestimmen, wie sich diese Reflexionen verteilen – und damit, ob Musik klar und direkt oder eher nachhallend klingt.
Um diese Wechselwirkungen vor dem Bau zu erfassen, entwickelte das Team ein digitales Modell des Saals. Akustische Simulationen berechneten die Klangqualität an den verschiedenen Sitzplätzen; physische Modelle und Materialstudien ergänzten die Berechnungen. Als Zielwert galt eine Nachhallzeit von rund 1,8 Sekunden, abgestimmt auf die kammermusikalische Nutzung und den gewünschten geschmeidigen, seidigen Klang. Während des Baus wurde die Akustik in mehreren wichtigen Phasen überprüft, um die Simulationsergebnisse mit dem tatsächlich entstehenden Raum abzugleichen. Zum Abschluss wurde der Saal vor Ort feinjustiert – auch nach Gehör.
Entstanden ist ein aussergewöhnlicher Raum, der wie eine Zwiebel aus mehreren Schichten aufgebaut ist. Im Inneren trägt ein Betonsockel Bühne und ansteigende Sitzreihen; darüber liegt die akustisch wirksame Betonschale mit einer gezielt modellierten Putzoberfläche. Ein Zwischenraum für technische Anlagen und Wärmedämmung trennt diese innere Hülle von der äusseren Holzkonstruktion. Kupferschindeln bilden den Abschluss von Fassade und Dach und verleihen dem Gebäude seine charakteristische, schuppenartige Erscheinung.
Im Einklang mit der Landschaft
Die organisch geformte Kuppel von «La Source Vive» lässt den Bau wie eine seltene Pilzform erscheinen, die aus dem Waldboden wächst. Auch seine Setzung folgt dieser Vorstellung einer behutsamen Verbindung mit dem Ort: Der Saal ist teilweise in den Hang eingelassen und liegt in einer Lichtung weit oben am Hang – so wurde er platziert, um möglichst behutsam mit dem Ökosystem umzugehen und gesunde Bäume zu schonen. Das gemeinsame Foyer mit «La Grange au Lac» wurde am Standort des bestehenden Foyers vergrössert; die Garderoben befinden sich entlang der bestehenden Zufahrtsstrasse zum Hôtel Ermitage. Die Anordnung der Gebäude nutzt das natürliche Gefälle und hält ihren baulichen Fussabdruck möglichst klein. So wird «La Source Vive» selbst zum Widerhall der Umgebung: ein Haus, das auf die Landschaft antwortet und zugleich der Musik einen eigenen Resonanzraum gibt.

Die Luftaufnahme zeigt «La Source Vive» eingebettet in den herbstlichen Wald. Für den Park wurde der Boden mit verschiedenen Pflanzenschichten und neuen Lebensräumen aufgewertet: Mehr als 150 Bäume und 200 Sträucher wurden neu gepflanzt.
