Optimum im Minimum

Atelier: Sébastien El Idrissi

Sébastien El Idrissi steht angelehnt an einer weissen Säule an einem Gebäude.

Ort des Austausches:  Das Atelier von Sébastien El Idrissi liegt in einer städtischen Neubausiedlung im Zürcher Seefeld.

Das Atelier von Sébastien El Idrissi liegt im Seefeld in der Siedlung Hornbach, einem Projekt des Zürcher Architektur­büros Knapkiewicz & Fickert. Die mediterrane Anmutung der städtischen Wohnsiedlung passt zur Lage ­unmittelbar beim Zürichsee. Dass nicht nur ­Wohnungen, sondern auch Ateliers und Gewerbe­räume vermietet werden, soll zur Durchmischung des Quartiers beitragen. Der Designer teilt die Räumlichkeiten mit zwei Architekt*innen und einer Designerin. Den Ausbau der Rohbauwohnung haben sie gemeinsam geplant und ausgeführt. Auch sonst wird im Haus ein kollegialer Austausch gepflegt etwa mit dem Kreativdirektor David Glättli. Der Raum ist für El Idrissi auch ein Ort, an dem er seine Entwürfe einem Realitätscheck unterziehen kann. Im gemein­samen Küchenbereich, der durch einen Vorhang vom Büroteil getrennt wird, steht etwa ein Modell seines Tischentwurfs «Cargo», den er letztes Jahr bei «Alcova» während des Salone zeigen konnte. 

Sébastien El Idrissi sitz an seinem Schreibtisch in seinem Atelier.

Gemeinsam: Das Büro teilt der Designer mit anderen Kreativen.

Du hast einen besonderen Werdegang, der über verschiedene Stationen zu deiner jetzigen Tätigkeit geführt hat. Schon deine Ausbildung gibt ­einiges zu erzählen.
Sébastien El Idrissi: Ich habe zunächst eine Lehre als Metallbaukonstrukteur gemacht. Dort habe ich gelernt, Stahlhallen zu zeichnen, es war eine technische Ausbildung ohne gestalterische Freiheit. Deswegen habe ich die gestalterische Berufsmatura nachgeholt und anschliessend in ­Luzern Produktdesign studiert. Als Nächstes habe ich zwei Praktika gemacht, eines bei Alfredo Häberli und das andere in Kopen­hagen. Das war eine sehr lehrreiche Zeit. Das Studium abgeschlossen habe ich schliesslich an der Ecal. Dank eines Stipendiums konnte ich in der Folge fünf Monate in Hongkong verbringen und dort einen Tag in der Woche an einer Designschule unterrichten. Gerade diese beiden Auslanderfahrungen haben meine Sichtweise auf Design erweitert. 

Wie ging es im Berufsleben weiter?
SEI: Ich begann als Projektleiter und Designer bei Alfredo Häberli zu arbeiten und blieb zwei Jahre dort. Das war eine gute Gelegenheit, alle Prozesse eines Produktes zu verfolgen. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagen konnte ich dank einer Dozentenstelle an der Schule für Gestaltung Graubünden und eines konkreten Auftrags von einem Start-up. Ich merkte aber, dass mir beim Unterrichten der theoretische Hintergrund fehlte, und habe parallel zu meiner beruflichen Tätigkeit ein Masterstudium in Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH ­absolviert. Das Forschen in diesem bedeutenden Archiv hat auch meine Entwurfspraxis befruchtet und zum Verständnis des Schweizer Designerbes beigetragen.

Nahaufnahme von den Händen von Sébastien El Idrissi beim Skizzieren.

Gedanken festigen: Die Entwürfe brauchen Zeit zum Reifen. 

Sébastien El Idrissi steht vor einer Kommode und baut etwas zusammen.

Erproben: Das Atelier ist für El Idrissi ein Ort, an dem er seine Entwürfe erproben kann.

Dein Tisch «Cargo» vereint deinen facettenreichen Zugang zum Thema Gestaltung. Kannst du etwas zur Entstehung dieses Entwurfs erzählen?
SEI:
Ausgangspunkt dieses selbst initiierten Projekts war die Feststellung, dass die meisten Massivholztische nicht zerlegbar sind. Ich selbst bin schon etliche Male um­gezogen und hätte gern einen solchen Tisch gehabt. Mehrere Prototypen scheiterten aber. Über eine Recherche bin ich auf eine Firma gestossen, die Verbindungsteile herstellt. Meiner Meinung nach schöpfte sie das Potenzial dieser Technologie nicht optimal aus, und so schlug ich der Firma neue konstruktive Elemente vor. Aus dieser Kollaboration entstand ein konkretes Tischdesign. Ich habe den Tisch, der hier im Studio steht, schon mehrmals ab- und aufgebaut, das Prinzip funktioniert. Man kann den zerlegten Entwurf sogar allein tragen. Beeinflusst hat mich der «1010»-Tisch von Ulrich Wieser, der heute noch durch Wohnbedarf vertrieben wird. Im Gegensatz zu meinem ist dieser Tisch allerdings sehr schwer.

Ist ein solcher Tisch in der Produktion nicht sehr teuer? 
SEI:
Jein. Das Thema Preis interessiert mich. Das Potenzial des Industriedesigns liegt in der seriellen Produktion; sie macht das Produkt wiederum zu einem tieferen Preis verfügbar. Das Verbindungsteil beim Tisch ist Sinnbild dafür, denn es vereinfacht die Arbeit des Schreiners und macht zudem eine Lagerung möglich. Es ist günstig und einfach herzustellen. Auch mein Desk-Organizer «Vague» ist ein gutes Beispiel für diese Einfachheit. Das Minimieren der Arbeitsschritte kann ein Produkt besser machen. 

Wiesses, rundes Porzellanobjekt auf Holztisch.

CH-Erbe: Die Schlichtheit früher Schweizer Entwürfe sind dem Designer ein Vorbild.

Verschiedene weisse Prototypen auf einem Tisch.

Erfinderisch: In den Entwürfen und an den Details steckt viel Arbeit.

«Das Minimieren der Arbeitsschritte kann ein Produkt besser machen.»
Sébastien El Idrissi sitzt mit Arme verschränkt in seinem Atelier.

Weiterwachsen: El Idrissi hat einen spannenden Werdegang.

Wird das Produkt dadurch auch nachhaltiger?

SEI: Auf jeden Fall. Die Trennbarkeit von Einzelteilen vereinfacht das Recycling. 

Beschäftigt dich Ökologie? Was sind die heutigen Herausforderungen an die Disziplin Design?
SEI: Das Thema Klimakrise und Ökologie beschäftigt mich seit Beginn des Studiums. Man lernt schnell, dass man eigentlich gar nichts Neues kreieren dürfte, wird aber zugleich mit der Frage konfrontiert, wovon man als Designer leben soll – ein Riesendilemma. Mein Masterstudium hat mir für viele Zusammenhänge die Augen geöffnet, denn Design und Architektur finden immer in ­einem bestimmten System statt. Ich glaube heute nicht mehr, dass ich mit meinen ­Produkten die Welt retten kann. Doch ich denke, dass ich einiges beeinflussen kann. 

Wie gehen deine Kunden mit dem Thema ­Nachhaltigkeit um?
SEI: Am Anfang meiner Tätigkeit als Designer wurde ich belächelt, wenn ich mich um Trennbarkeit der Materialien bemühte. Seit einigen Jahren merke ich, dass das Bewusstsein dafür zunimmt. Ein nachhaltig hergestelltes Produkt kostet allerdings mehr, und meistens wird dann zugunsten der ­tieferen Kosten entschieden. Der Wandel ­geschieht langsam.

Was sind deine Pläne für den nächsten Salone?
SEI: Ich kann im Rahmen der Design-Switzerland-Ausstellung von Pro Helvetia erstmals mein Röstgerät für Mikafi Coffee ausserhalb der Schweiz zeigen. Und ich werde zum ersten Mal am Salone Satellite an der Messe teilnehmen und die Auszugsversion meines Tischs präsentieren. Dieser Auftritt war schon länger geplant, hat sich aber durch die Pandemie verzögert.

https://seis.studio

Holztisch vor weisser Wand.

CARGO: ist ein Holztisch für den einfachen Transport. Er kann so oft wie gewünscht zusammen- und auseinandergebaut werden und besteht fast gänzlich aus langlebigem und ökologischem Massivholz. Ab Sommer 2022 ist er auch in einer ausziehbaren Version erhältlich. 

Elektrisches Röstgerät für Kaffee.

MCR 1: ist ein elektrisches Röstgerät für Kaffee, gestaltet für das Schweizer Start-up Mikafi Coffee. Die Maschine ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einem intelligenten, elektrischen und lokalen Verarbeitungsprozess für Kaffeebohnen.

 

Stift- und Kartenhalter von Sébastien El Idrissi.

VAGUE: ist ein einfacher Stift- und Kartenhalter aus Aluminium. Er ist wie eine Welle geformt und bietet so verschieden grosse Lücken für die Aufbewahrung von Schreibtisch-Utensilien.

 

Teeset von Sébastien El Idrissi aus weissem Porzellan.

PEAK: ist ein Teeset, das El Idrissi für die NOV Gallery aus Genf entworfen hat. Tassen, Teesieb und Deckel lassen sich in die Karaffe stapeln.