Designsünden

Freitag X Georg Lendorff

Die Installation «Unfluencer – De-Sinning The Designer» lockte viele Besucher an.

«Warum reden wir anstatt über gutes nicht einmal über schlechtes Design?», fragte sich die Zürcher Planentaschen-Manufaktur Freitag – an einem Ort, wo Design eine Woche lang ungehemmt zelebriert wird. In der Ventura Centrale, die von aussen ein wenig an die Viaduktbögen in Zürich erinnern, erschufen sie gemeinsam mit dem Zürcher Künstler Georg Lendorff eine Parallelwelt zur dicht gedrängten Designmesse. Einen Ort, wo man für einen Augenblick Raum und Zeit vergessen und in eine faszinierende Szenerie aus Licht, Sound und Bewegung eintauchen konnte.

Daniel und Markus Freitag mit dem Zürcher Künstler Georg Lendorff vor der Installation in der Ventura Centrale in Milano.

Ihr wart das erste Mal in Mailand präsent, was war der Beweggrund?

Daniel Freitag: Als Besucher sind wir schon oft nach Milano gepilgert und haben hier auch einen Store in der Stadt und der Gedanke war schon länger da, hier einen Beitrag zu leisten. Aber für uns war es irgendwie der falsche Rahmen, um Promotion für neue Produkte zu machen. Wir wollten lieber einen kulturellen Beitrag leisten. In Milano reden immer alle von schönem Design und da mal eine provokante Frage zu stellen, ‘was sind eigentlich deine Designsünden’ hat uns gereizt. Gleichzeitig kam Georg auf uns zu und so hat sich das Ganze gut ergänzt.
Georg Lendorff: Ich kannte die Bögen bereits und bekam die Möglichkeit einen von ihnen zu bespielen. Die Installation habe ich im Vorfeld bereits in Zürich entwickelt (A.d.R. die Lichtinstallation «First Light – Videoskulptur» wurde 2018 in der Gruppenausstellung an der Sollbruchstelle 04 in Zürich gezeigt) und ich suchte eine Möglichkeit sie weiter zu entwickeln. Mit Freitag fand ich dann den idealen Partner.  

 

Wie war die Reaktion auf euren Gegenpol zum Design-Fluss?
DF: Wir wollten ja nicht moralisieren oder den Zeigefinger heben, sondern die Besucher zur Selbstreflexion anregen und ich glaube, das funktionierte hier sehr gut. Wir haben einen Raum geboten, wo sich die Besucher treiben lassen konnten, um Zeit zu gewinnen und der letzte Akt in der «De-Sinning Zone» mit dem Druck hatte dann wieder einen Bezug zur Tasche. Wir wollten die Leute zum Machen bewegen. Ich glaube, das wird positiv und nicht belehrend wahrgenommen.
GL: Wir haben den Besuchern ein paar Aufgaben und Anregungen mit auf den Weg gegeben, spielerisch und assoziativ. Die meisten haben sich darauf eingelassen. Manche haben das vielleicht nicht ganz verstanden, aber das macht nichts. Uns ging es vor allem darum, neue Denkanstösse zu geben und auch darum, die Menschen zu erfreuen.

 

Auf der Messe eilt man von Halle zu Halle, bei euch hat man das Gefühl, anhalten zu dürfen. Es hat etwas Meditatives – ist das Absicht?
DF: Ja, bei uns bei Freitag gibt es ein Prinzip, das besagt: losing speed to win time. Etwas noch schneller zu erledigen, damit wir mehr Zeit haben ist eine Illusion, irgendwie haben wir doch immer weniger Zeit. Das ist der Leidensdruck Nr. 1 unserer Gesellschaft. Dieser Slow-Down-Bereich bietet sich an, um einen meditativen Ort zu schaffen. Die Installation liegt auch wie ein Diamant in diesen Bögen, der eine ganz andere Wirkung hat, wenn man drum herum läuft als wenn man eintaucht.

Eintauchen in ein Meer aus Licht, Sound und Bewegung.

Im Beichtstuhl konnten die Besucher ihre Designsünden ablegen.

In der «De-Sinning Zone» fand der letzte Akt statt: In der Werkstatt konnten die Besucher per Hand-Jet eine Botschaft auf ihre Tasche drucken.

An der Wand sammelten sich die Designsünden aller Besucher.

Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?
GL: Es ist das erste Projekt, das wir zusammen machen, aber wir teilen vieles. Wir sind zur gleichen Zeit im selben Umfeld in Zürich aufgewachsen und ich schätze die Arbeit, die Werte und die Geschichte von Freitag sehr. Aber wir haben uns erst richtig durch diesen Auftritt kennengelernt. Von Freitag kam zum Beispiel der Input mit dem Beichtstuhl und der Beichte von Design- und Konsumsünden. Das gefiel mir sofort, das Sakrale passte hier in die Bögen und es bietet einen augenzwinkernden Weg um die Leute zu öffnen und um dieses Thema anzuschneiden.
DF: Für uns war es auch gut, jemanden mit Aussenblick zu haben und unsere beiden Sprachen fanden gut zusammen. In der Werkstatt, wo sich der Besucher am Schluss per Hand-Jet eine Botschaft auf seine Tasche drucken konnte, kommt man dann wieder zum typischen Freitag-Feeling zurück.

 

Was verbindet Freitag mit Mailand?
DF: Italien ist für uns sehr wichtig. Wir hatten immer gute Läden, die uns respräsentiert haben und waren vor ein paar Jahren auch mal im Corso Como, was auch Orientierung für andere Läden bietet und das hat uns Türen geöffnet für den italienischen Markt.

 

Ihr seid auch in Asien sehr gross. Es kamen viele Besucher, man kann fast schon von Fans sprechen, die ihre Tasche bedruckt haben wollten. Wie fühlt sich das an?
DF: Ich war immer fasziniert von Asien und Japan war unser erster Markt in Asien. Ich bin auch immer gerne nach Japan gereist, weil ich finde, die Werte sind einerseits sehr nahe an unseren, wie etwa das Qualitätsbewusstsein, andererseits ist Japan für uns sehr exotisch. Für sie ist Europa exotisch. Ich habe jetzt ein Vierteljahrhundert mit unseren Produkten verbracht und es ist schön zu sehen, dass nicht nur das Produkt immer noch relevant ist – auch seine Werte. Damals waren wir Pioniere und es ist toll, dass das Produkt oder der Gedanke dahinter jetzt auch in der Masse angekommen ist. Dass wir international wahrgenommen werden, finde ich cool, weil wir so mehr bewegen können.

 

Wie habt ihr die Installation wahrgenommen?
GL: Eine Schwierigkeit dahinter war, dass die Videoinstallation nur live richtig funktioniert. Man muss das Hyperräumliche erleben, das geht mit einem Bild nicht. Das ist natürlich schade, weil die Medien und Instagram total wichtig sind, andererseits ist es auch das tolle daran, weil sich die Leute hierhin bewegen und es selbst erleben mussten.
DF: Das stimmt, auf Fotos denkt man, ja wahrscheinlich ist es noch lässig, aber das Bild transportiert das natürlich nur halb. Es ist ein wenig mit dem Theater zu vergleichen. Jede Vorstellung ist anders und  erst, wenn du inmitten der Installation stehst und sich die Perspektive verändert und du die Orientierung verlierst, hast du das Erlebnis.

 

Und abschliessend: Was ist eure Design-Sünde?
DF: Ich habe meine Beichte als Konsum-Sünder abgelegt, denn bei uns Zuhause gibt es immer noch eine eine Kaffeekapsel-Maschine.
GL: Ich habe ursprünglich Grafikdesign studiert. In der Zeit hatte mich der Gründer vom Veloblitz angefragt, ob ich ihren ersten Flyer machen kann. Er hat ihn mir vor Kurzem wieder gezeigt und nur schon der Gedanke daran schmerzt mich. Der Flyer war so komplett misslungen, in jeder Hinsicht. Das ist meine Urdesignsünde.

Daniel Freitag in der «De-Sinning Zone». Die Taschen aus europäischer Leine sind wiederum kompostierbar.